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Archiv für den Tag 15. Oktober 2011

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65. Hohle Nüsse und Saftbetrieb

Ein Kommentar von Axel Kutsch

In seinem 576 Seiten umfassenden Band “Textleben” mit gesammelten Aufsätzen und Reden, der jetzt bei S. Fischer erschienen ist, geizt der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Michael Lentz nicht mit Kritik an unserer zeitgenössischen Lyrik. Sie gipfelt in seinem Rundumschlag, daß die meisten heutigen Autoren “enttäuschend hohle Nüsse” seien. Äußert sich hier ein wirklicher Kenner der Szene oder wütet nur ein Berserker, dem die Lust an der Provokation zu Kopf gestiegen ist?

Wenn ich an die zahlreichen deutschsprachigen Gedichtbände vor allem neuerer Autoren und mehrere Anthologien denke, die ich in letzter Zeit gelesen habe, sind mir eigentlich wenig hohle Nüsse unter die Augen gekommen. Allerdings ist in der jungen Generation auch kaum Aufregendes in Sicht, wie wir es beispielsweise aus den neunziger Jahren von Marcel Beyer, Durs Grünbein oder Thomas Kling kennen. Eine Autorin bemühte vor kurzem im Hinblick auf neue Lyriker die reichlich abgegriffene Floskel junge Wilde. Ist es nicht eher angebracht, von jungen Milden zu sprechen?

Ob wild oder mild, enttäuschend hohle Nüsse muß man heute – jedenfalls in der literarisch relevanten Nische unserer Poesie – mit der Lupe suchen. Hohl ist eher in weiten Teilen der von einem Insider der deutschen Lyrikszene so bezeichnete “Saftbetrieb”. Es erinnert fast schon an absurdes Theater, wenn eine mittelmäßige jüngere Poetin mit guten Beziehungen in diesem ach so menschelnden Betrieb innerhalb kurzer Zeit ein Dutzend Preise und Stipendien einheimst und ein wenig älterer Kollege, dessen Lyrik allerdings das Mittelmaß übersteigt, in einem guten Jahrzehnt 25mal die Freuden öffentlicher Ehrungen genießen darf. Der beide weit überragende Thomas Kling hat gerade mal neun Preise erhalten.

Offenbar dreht sich heutzutage das Preiskarussell immer schneller, sobald ein Autor einmal mit einer nennenswerten literarischen Auszeichnung bedacht worden ist. Die Vermutung liegt nahe, daß sich so manches Jurymitglied konformistisch an der Auswahl vorheriger Gremien orientiert, um so scheinbar auf Nummer sicher zu gehen. Und mitunter läuft es wohl auch wie geschmiert, wenn die eine oder andere gute Beziehung vorhanden ist. Viel Saft im Betrieb, wenig Würze.

64. Zentrum

“Plötzlich im Zentrum der Weltkultur”, titelt die Ibbenbürener Volkszeitung und meint den Verleger Dr. Josef Kleinheinrich. Die können ja nicht wissen, daß der Verleger von Inger Christensen, von Ekelöf, Tranströmer, Sonnevi, auf dessen Backlist auch die Namen Kling, Mayröcker, Kirkeby, Nooteboom, Lucebert, Egger, Michaux und und stehen, immer schon dort war. (Aber die Nicht- und Überleser bestimmen die Landkarte des Betriebs).

63. Himmelsschrift

Durch dieses schöne Buch geht ein Rauschen, es schlagen gleichsam Flügel – es ist ein heiteres Aufschwingen oder aber ein angstvolles Notflattern. Vögel. Immer wieder. Christian Lehnert, Pfarrer, Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Lutherstadt Wittenberg, beschwört sie geradezu. Himmelsschrift, vor der wir ohne Ehrgeiz der Entzifferung stehen. Einem fliegendem Vogel schauen wir einverständig zu, so, als folgten wir ausnahmsweise nicht dem elenden Zwang, beim Genießen eines Glücks stets gleich auch über den Rand dieses Glücks zu schauen. Was jedes Glück zerscherbt. …

Glaube ist in diesen Gedichten etwas, das keine Überlegenheit, keine Rettung auswirft. Es ist Arbeit. Es ist das höchste Maß an Vertrauen: Selbstprüfung kann erschöpfen, aber nicht zermürben. Und diese Selbstprüfung besteht darin, bei jeder Zufuhr an Klarheit offen zu bleiben für eine dazugehörige Gewissheit: dass mit wachsender Erkenntnis doch immer auch die Furcht und das neuerliche, uralte Unbegreifen wächst. Mit dem die Dinge schön werden, kostbar durch Verletzlichkeit. / Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland

Christian Lehnert: Aufkommender Atem. Gedichte. Suhrkamp Verlag . 100 S., geb., 17,90 Euro

62. Brecht ins Programm

Was haben Lutz Jahoda, Hilmar Thate und Manfred Wekwerth gemeinsam? Sie unterstützen einen der Anträge an den Erfurter Parteitag, in denen die Aufnahme der »Fragen eines lesenden Arbeiters« ins neue Programm der LINKEN gefordert wird. Dem Brecht-Gedicht wird symbolische Bedeutung beigemessen: Mit ihm könne die Partei klarstellen, so die Begründung, wer den Reichtum der kapitalistischen Gesellschaften produziert und wer das in Wahrheit geschichtsmächtige Subjekt ist. / Tom Strohschneider, Neues Deutschland

61. Ilse Aichinger 90

Wir treten also an ihren Tisch, Hammerbacher macht uns bekannt, zeigt auf mich: Wir verlegen im Herbst sein Logbuch einer Reise ins Verschwinden. Sie schaut kurz auf, lächelt mich an und sagt: “Das Verschwinden, junger Mann, ist eigentlich mein Thema.” So lernte ich Ilse Aichinger kennen, deren Bücher mich seit Jahrzehnten begleiten.

Ihren Roman Die größere Hoffnung zog ich aus der Schultasche, ihre Gedichte Verschenkter Rat reisten mit mir nach Paris, Unglaubwürdige Reisen dann im Schwarzwald,Kleist, Moos, Fasane, ich muss in meiner Wohnung nicht zweimal nachsehen, weiß genau, wo der Erzählband steht. Obwohl und vielleicht gerade weil wir so unterschiedliche literarische Ansätze verfolgen, geht mir ihr Werk nah – und wird mir Satz für Satz unerreichbarer. Selbstredend frage ich mich, wie sie das schafft, selbst in einer Glosse in der Plötzlichkeit eines Gedichts die Richtung zu wechseln, ganz da zu sein, indem sie sich entzieht. Und: Warum darf ihr das nur in Sätzen gelingen? Sie, die seit vielen Jahren verschwinden möchte, feiert bald ihren neunzigsten Geburtstag.

Immer noch wohnt sie im Hochhaus Herrengasse, rund um die Uhr von einer Pflegerin begleitet. Immer noch liebt sie Kaffeehäuser, lässt sich im Rollstuhl dorthin fahren. Immer noch lebt sie unangepasst. / Christoph W. Bauer / DER STANDARD 15.10.

60. Buchpremiere: Helm aus Phlox

Parlandopark eröffnet die Herbstsaison an einem neuen, schönen Ort: Studio 8 (Grüntaler Straße 8, Berlin, nahe S Gesundbrunnen) mit einer lange erwarteten Buchpremiere: 23. Oktober, 20.00 Uhr

Helm aus Phlox.
Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs

Buchpremiere mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck

Der ultimative Helm zu einer zeitgenössischen Poetik und vielem anderen mehr ist eben bei Merve erschienen! Wir feiern das Ereignis mit den HerausgeberInnen, die das Werk in Gespräch und Lesung vorstellen.

Themen sind u.a.: Übertreibung und Geschmack. Zum gegenwärtigen Stand der Überlegungen. Erste Hilfe und zweite Natur. Beuteschema. Mapping. Studien zur Panik dichterischer Praxis. Grammatik des Denkens. Schweinehirn. Auf nach Tokelau. Die Frage nach der Relevanz. Das Floß. Tätliche Tränke. Ich wollte die Wand sehen. Sprache und Überfall. Surium stich! Die große Straße. Unendliche Forderung. Post-Idioten. Doch. Pot-au-feu. Ein Helm aus Phlox. Wischnu und der Fusel. Am grünen Filz. Tröpfflein Trost. Anheim. Prachtstaude Irrtum. Etwas sehr Artiges und Beliebtes. Die Leidenschaft für das Organische. Fichtelfarce. Ein zuckersüsser Tantz. Ein geschlucktes Schwert. Die Schlüssel haben. Fünf Querbalken für die Bretter der zweiten Seitenwand der Wohnung Enertschybaby. Der kunstohnmächtige Mensch. Heckklapp. Jede electrische eine Klangfigur. Jubel und Klage. Divertimenti. Beutelmeister. Der Geist auf Geisterweise frei. Midashand. Poderacion mysteriosa. Rappel Rappel Rappel. Das treue Skelett. Architektur. Wiederholung. Des Lebens Mai. Nimms auf deine Flügel. Helm aus Laub. Helm aus Licht. Der Wandrer in der Sägemühle. Schüsselreime. Das Geschlecht der Motten. Wo sind die Senken, wo die Quellen. Eine Frage der Erinnerung. Haupt des Winkels. Haupt der Wendung. Kippen gießen schenken. Übergehn. Fremd wie ein Aperitif. Fragment und Verstehen. Daten. Rendezvous mit einer Dattel. Schlupf. Geloder. Humildemente, Kork. Einflussangst und Vatermord. Evokation. Geheimnis des Glaubens. Virus Rilke. Erfunden und wahr. Gloria Mundi. Eulen nach Dubai. Status Quatsch. Vom Eselsgen. Der mobile Buckel. Poetologische Kinnlade. Locken.

Danach wird gefeiert, open end. Kommt alle!

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