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Archiv für den Tag 25. September 2011

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118. Das Minenfeld des politischen Gedichts

Auszug aus dem Gegenstrophe-Essay von Bertram Reinecke bei Poetenladen

(Vgl. L&Poe Sep #44. Das Gesicht des Gegenwartsgedichts)

 

Auch mit politischen Themenfeldern lässt sich … der Bild­speicher des Lesers leicht anzapfen: Voß zitiert in seinem „Volkslied“ den Lindenbaum, das Horst-Wes­sel-Lied, Tribünen­gesänge. Ein weiter Bogen durch zwei Systeme, die deutsche Natur usw. Sicherlich löst das schon irgendwas im Leser aus. Fragt man sich aber, ob das Gedicht irgend etwas bedeutet (denn ich entnehme es schließ­lich Alles außer Tiernahrung, Neue politische Gedichte), dann nicht mehr, als dass die deutsche Lied­tradition irgendwie mit den Kata­strophen des Jahrhunderts verstrickt ist. Das ist viel Aufwand für einen Allgemeinplatz, dem der deutsche Dichter selbst­miß­trauisch beipflichtet, ob wohl man ja ebenso beliebig herausarbeiten könnte, wo diese Tradition noch Schlimmeres verhindert hat. Da ein solcher Fremdbezug von Bildern aus dem Gedächtnis des Lesers, ein Nabel­schnur­effekt also um so besser funktioniert, je weniger das Gedicht selbst nährt und je mehr es die Bild­erin­nerungen des Lesers strömen lässt, könnte man einwenden, es handele sich hier nicht um Sprachge- sondern eher Sprachverbrauch. Gerade in einer zusehends medial ver­mittelten Welt wird man jedoch auf dies Mittel kaum verzichten wollen. Allerdings scheint mir ein sparsamer Einsatz angebracht. Auch Norbert Lange nennt zu seinem Text „Schuhgrößen“ (Jahrbuch der Lyrik, poet nr. 9) die Referenz „Kann Spuren des Horst Wessel Liedes enthalten“ und vertieft damit seinen Text. Diese Vertiefung besteht aber nicht nur darin, dass die Ebene von Grenzverletzung und Okkupation, die beide Kontexte verbindet, vage in den Text tritt, sondern zunächst dadurch, dass seine Schilderung von Fetischismus, die als Schilderung sauberer und süßlicher daherkommt als die Realität, das Unselbstverständliche des Vorgangs wieder ins Bild rückt, insofern sozusagen stinkende Knobelbecher über der Szenerie hängen. „Becher und Göring mit dem Fahrrad im Darß suchen“ (Jahrbuch, Alles außer Tiernahrung, An Deutschland gedacht, Ostsee­gedichte) von Gräf verleiht mit Zeissgläsern (mediale Referenz), Stukas und Schwarzhemd einem Naturgedicht „unter dem Wucher/ der Farne“ Unruhe. Die aufgerufene politische Dimension tritt dahinter zurück.

Damit sind wir auf dem verminten Feld des politischen Gedichts angelangt. Gerne wird es gefordert, viel seltener gedruckt. Vermint ist das Feld zunächst durch Inbegriffe des politischen Gedichts, die heute zumeist abgelehnt werden und schon fast gänzlich verschwunden sind. Der Band Stimmwechsel polemisiert bei­läufig gegen „Agitprop oder Gutgemeintes“, ohne genauer zu sagen, was dies sei. Warngedicht, Zeigefingergedicht, relevanter Realismus usw. wären Topoi, mit denen das politische Gedicht ebenfalls verbunden wird. Auch wenn man diese Topoi dann und wann auf negative Beispiele besonders in An Deutschland gedacht anwenden mag, ist damit noch nicht klar, ob man mit solch vagen Abgren­zungen nicht vielleicht zu viel oder zu wenig ausgrenzt. […] Verstehen wir als Agitprop­gedicht im engeren Sinne zunächst den kurzen fasslichen Text, der mit einem sprachlich-inhaltlichen Dreh den Zuhörer überraschen und zum Nachdenken und schließlich Handeln zwingen soll, wie wir das oft von Erich Fried kennen. Es gibt diese Texte noch, aber sie haben sich gewandelt: „Die Menschen­würde ist unantastbar/ ›richtig‹, erwiderte der Polizist/ mit unseren Knüppeln/ tasten wir auch nicht“ hätte man vielleicht vor 30 Jahren den zentralen Gedanken der ersten Strophe von Weigonis „Totentanz und Tortenwurf“ (An Deutschland gedacht) formuliert. Der Dichter bettet solche Pointen allerdings in einen surreal anarchi­schen Dance Macabre, der konkrete Momente von Lebens­form und Geschichte in den Text hineinschlingt.

Eine andere Form des Agitpropgedichts versteckt den Zeigefinger, indem der behandelte Missstand aus der Öffentlichkeit in die private Vereinzelung verlegt wird. In Engelhards „Der Vater löscht das Lampenkind“ (Jahrbuch) bezieht sich das zentrale Bild der Überschrift auf das Ende des Leuchtens eines Kindergesichts, nach einer angedeuteten sexualisierten Interaktion zwischen Vater und Tochter. Dieser Text folgt leicht verrätselt dem Mechanismus des Agitprop­gedichtes.

Mit Inbegriffen des politischen Gedichts, die auf bekannte Muster zurückgreifen, kommt man also nicht weit, will man herausfinden, welche Perspektiven es bietet. Man muss eine Stufe tiefer ansetzen. Da fällt auf, dass die Verfechter des politischen Gedichts diesem oft wie selbst­verständ­lich hohe Zu­gäng­lichkeit ab­fordern, wahr­scheinlich aus der Intuition, dass Wirksamkeit Allgemein­verständ­lich­keit einschlösse. Ja, oft hat man das Gefühl, dass die Forderung nach dem poli­tischen Gedicht nur ein Trojanisches Pferd sein soll, endlich das „verständliche“ Gedicht wieder einzuführen. In solcher Haltung liegen zwei Miss­verständnisse verborgen:

Man fordert nicht irgend ein politisches Engagement sondern das gute Neue: Wolf Martins Machwerke („Kronen Zeitung“) fordert man nicht. Entweder ist dies gute Neue gar nicht neu sondern bereits Konsens oder man fordert politische Gedichte, die auch politische Gegner auf den Plan rufen. Da ist es zynisch, vom Dichter zu erwarten, er solle die Kartof­feln aus dem Feuer holen und ihm gleichzeitig noch die Camouflage zu verbieten. Zweitens ist es ein Irrtum zu glauben, dass schwierige Gedichte nicht wirkmächtig werden könnten. Der Interpretationsstreit um Celans „Eden“ hat eine ganze Richtung herme­neutisch mensch­heitlicher Inter­pretier­kunst, die bei gesellschaftlichem Konfliktpotential nicht hinsah, auf dass man ihren Balken im Auge (auch: Brett vorm Kopf) nicht sähe, nachhaltig beschädigt. Mehr Wirkung kann sich ein Einzel­gedicht kaum wünschen.

Es ist also zunächst einmal kein Wunder, dass der Herausgeber von Alles außer Tiernahrung sich gegen das allzu direkte, allzu zugängliche politische Gedicht wehrt und unter anderem dessen Kassiberfunktion betont. Auf der anderen Seite gibt es dann immer das Problem, dass ein Kassiber, der mich nicht erreichen soll, mich auch oft nicht erreicht. Er setzt deshalb die Maßstäbe, was es heißt, etwas Politisches zu äußern, nicht allzu hoch an.

Andererseits gibt es bei ihm einen Reflex gegen alles „angesäuert Moralische“, Utopische. Das klingt denn doch etwas nach: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Immer wenn ein Gemeinplatz jahrelang und ungefragt wiederholt wird, wie der vom Ende der Utopien nun seit über zwanzig Jahren, legt sich der Verdacht nahe, er sei in sich selbst ideologisch. Das grundsätzliche Problem: Wer eine wenig bekannte Position vertritt, muss sie zunächst erstens verein­facht darstellen, zweitens argumentieren. Jede konsistente Argumen­tations­kette lässt sich als Ideologie diskreditieren, jede vereinfachte Darstellung als zu einfach zurückweisen. Für den Status quo hingegen, den jeder in gewisser Breite kennt, muss niemand argumen­tieren, da reicht Anspielen. Das wirklich Neue wird im Gedicht noch einmal sprachlos, wenn ihm mit zu viel antiideologischem Misstrauen begegnet wird, da das regel­gemäße Argument ohnehin seine Stärke nicht ist.

Ein politisches Gedicht in Alles außer Tiernahrung reduziert sich damit auf ein normales Gedicht, das politisch beladene Wörter enthält. (Fast) jedes einzelne Gedicht mag bedenkens­wert sein, über die Strecke klingt zu viel Feuilleton durch. Stärker wird der Band paradoxer Weise z.B. da, wo er dem Budenzauber mit Politbegriffen entgegentritt: „Die Flucht aus zweiter Hand wird ausge­gessen … Moralisch sauber nur mit Kriegsverlauf.“ (Kunst); „es sind dieselben moewen, deren vorväter/ als mitlaeufer unter den nazis dienten “ (Lafleur). Stärker wird der Band auch da, wo ein politisches Thema ergriffen wird, ohne auf politische Ereignisse anspielen zu müssen. Norbert Langes Suchbilder­zyklus stellt eine absurde Medi­tation auf die durch TV ver­mittelten Sprach­möglichkeiten auf deut­schen Durch­schnitts­terrassen dar4, die vorführt, an welchen Kleinig­keiten deren sprach­licher Weltzugriff bereits zum Scheitern verurteilt ist.

Wer dem politischen Gedicht abfordert, mir zu sagen, worüber ich nachdenken soll, ohne mir zu sagen, was ich denken soll, kann ebenso gut ein Kindheits­gedicht mit Nabelschnur als konser­vatives Polit­gedicht ablehnen, weil es deutsche Innerlichkeit befördert. Dann ist das Feld wieder offen. Mit anderen Worten: Ich weiß, dass es interessante politische Gegenwartsgedichte gibt. Es wird nur keinen Konsens darüber geben, welche dies sind. Denn entweder bewegen sie sich am einen Ende der Kunstskala, struppig und ruppig, einen auch mal mit schiefen Meinungen überfah­rend, wie Clemens Schittko, oder es sind versteckte, manchmal schrullige Kassiber, bei denen die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz offen bleiben muss. Was dazwischen ist, neigt schnell dazu auszusehen, als wollte jemand seine gepflegten Kunstmittel auf dem Rücken eines Missstands durch die Landschaft führen. Dazu kann man jedes Gedicht einer politischen Lektüre unterziehen. (Für einen Anthologisten ist damit das politische Gedicht keine ergiebige Aufgabe.)

 

Michael Braun, Kathrin Dittmer, Martin Rector (Hg.)

Gegenstrophe
Blätter zur Lyrik 3
Wehrhahn Verlag 2011
120 Seiten, Hardcover
Preis: 12,80 €

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