Lyrikzeitung & Poetry News

30. April 2011

136. Todtreu

Die zu ihrem heutigen 100. Geburtstag erschienene Biografie des Spaniers José Sánchez de Murillo zerstört das Bild der 2002 Gestorbenen. Laut seiner Recherche hatte Luise Rinser in NS-Deutschland nicht nur kein Schreibverbot, sondern sie verfasste ein Drehbuch für einen UFA-Propaganda-Film und kompromittierende Gedichte: „Todtreu verschworene Wächter heiliger Erde/ des großen Führers verschwiegene Gesandte,/ Mit seinem flammenden Zeichen auf unserer Stirn,/ Wir jungen Deutschen, wir wachen, siegen oder sterben./ Denn wir sind treu!“ Unter der Überschrift „Junge Generation“ geht es sechs Strophen lang in diesem Stil. Als das Gedicht Mitte der Achtziger auftauchte, bestritt Rinser vehement, es geschrieben zu haben. / Sabine Rohlf, BZ

José Sánchez de Murillo: Luise Rinser. Ein Leben in Widersprüchen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 464 Seiten, 22,95 Euro.

135. Zeichen & Wunder

Zwar ist ihr Einfluss mittlerweile stark gesunken, doch gibt es sie auch heute noch, die kleinen, aber feinen Journale. Ein solches bildet auch die Zeitschrift “Zeichen & Wunder”, deren Mitherausgeber seit kurzem der aus Trier stammende Sebastian Marx ist und die dank der Buchhandlung “Île de Ré” auch in dessen Geburtsstadt vertrieben wird. …

Hubert Brunträger, der das Projekt gründete und über zwei Dekaden hinweg nahezu in Eigenregie führte, beendete sein Engagement im vergangenen Jahr. Die verbliebenen Redaktionsmitglieder Andreas Lehmann und Christoph Leisten hätten die Zeitschrift nicht alleine weiterführen können. Damit klaffte eine große Lücke. Neben Anna Ertel, Marco Fischer und Simone Leidinger konnte jedoch relativ schnell auch Sebastian Marx für die Mitarbeit als Herausgeber und Redakteur in Personalunion gewonnen werden. / 16vor

Die aktuelle Ausgabe 55 von “Zeichen & Wunder” umfasst 64 Seiten und kostet acht Euro. Erhältlich ist sie bei der Buchhandlung “Île de Ré” in Trier und im Internet:http://www.zeichenwunder.de/.

134. Dantegegend

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Nora Bossong gehört zu den Sinnsuchern unter den jungen Poeten, ihre Intentionen macht sie gleich zu Beginn ihres zweiten Lyrikbandes deutlich, wenn sie die Gefahr des Fallens „über zuviel Vokal“ mit leichter Hand abwehrt. Lieber fischt sie in den Lebensentwürfen großer Geister: „Im Weitesten Dantegegend, abfallend, / Die Täler gefüllt mit Dorffesten.“ / Dorothea von Törne, Die Welt

Nora Bossong: Sommer vor den Mauern. Hanser, München. 96 S., 14,90 Euro.

133. Mottled Tuesday

Einsortiert unter: Deutsch, Englisch, USA — Tags:, , , , , — lyrikzeitung @ 19:20

Am Anfang steht ein Zahlenspiel: „A worldly country“ ist der 27. Gedichtband des 1927 geborenen John Ashbery – und 27 der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und Übersetzer haben Gedichte aus diesem Buch ins Deutsche übersetzt. Ist es Traum, Zufall oder jenes Wunderbare, das der Altmeister der modernen amerikanischen Dichtung im Alltäglichen entdeckt? Die neben dem Original platzierten verschiedenen deutschen Fassungen erschließen Bedeutungsvielfalt, Schönheit und machen die Schwierigkeit des Übersetzens deutlich. Ob ein „Mottled Tuesday“ wohl ein „melierter Dienstag“ (Uljana Wolf), ein „gefleckter Dienstag (Iain Galbraith) oder ein „durchwachsener Dienstag“ (Marcus Roloff) ist? / Dorothea von Törne, Die Welt

John Ashbery: Ein weltgewandtes Land. Luxbooks, Wiesbaden. 338 S., 24 Euro.

132. Adriana Calcanhotto singt

Ihr Repertoire umfasst eine faszinierende Mischung aus selbst geschriebenen Liedern (für die sie unter anderem Lyrik von Gertrude Stein, Augusto de Campos und Jacques Prévert vertonte), Stücke von zeitgenössischen brasilianischen Musikern wie Arnaldo Antunes, Pedro Luís oder Péricles Cavalcanti, Klassikern der Música Popular Brasileira und Bossa Nova sowie einigen Coverversionen. / Die Welt

131. Kenyan Narratives in Verse

Einsortiert unter: Englisch, Kenia — Tags: — lyrikzeitung @ 14:49

Am Freitag, den 6. Mai 2011 um 19 Uhr lädt AfricAvenir zur einer Lesung des kenianischen Autors und Literaturwissenschaftlers Wanjohi Wa Makokha. …

Makokhas Gedichtband Nest of Stones: Kenyan Narratives in Verse, herausgegeben von dem African Books Collective, thematisiert unter anderem die 2007/08 in Kenia durch die Präsidentschaftswahlen ausgelösten Unruhen, die Kenia bis heute erschüttern. Die Oppositionspartei hatte nach der Wiedereinsetzung des vorher amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki mit dem Vorwurf der Manipulation die Wahl angezweifelt. Gewalttätige Auseinandersetzungen folgten und forderten zahlreiche Tote.

Durch seine politische Poesie möchte Wa Makokha einer Welt der Menschlichkeit und der gegenseitigen Solidarität näher kommen. Poesie ist so für Makokha nicht „nur“ Kunst, sondern auch ein Beitrag, dem Traum einer besseren Welt ein bisschen näherzukommen. / ND

130. Das Tao der Poesie: FÜR ALIENS IST JEDER TAG IM UNIVERSUM ERSTER MAI

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 14:20

G&GN-INSTITUT NEUKÖLLE 30.4.2011 / Anläßlich des traditionellen Kulturfestes auf der Kreuzberger Oranienstraße am ersten Mai wurde die autorisierte Abschrift der spontan improvisierten Antiprosa „DAS TAO DER POESIE“ von Tom de Toys (Live-Erfindung gemäß seiner „FreeWordJam“-Methode in Anlehnung an Kleists Theorie der „allmählichen Verfertigung der Gedanken“) als Gast von „Vier im roten Kreis“ in der Berliner Schillingbar im neuen G&GN-Archiv bereitgestellt. Dem vollständigen 12-minütigen Videomitschnitt (mitsamt alkoholisierter Off-Kommentare) des N.A.N.-Mitglieds Felix Watt ist es zu verdanken, daß dieses satirische Stück Off-Weltliteratur, in dem das Bonmot „FÜR ALIENS IST JEDER TAG IM UNIVERSUM ERSTER MAI!“ live on stage erfunden wurde, überhaupt existiert…

TEXTAUSZUG AUS „DAS TAO DER POESIE“:

„der fall des jungen mannes in friedrichshain ist aus zivilisatorischer sicht eine katastrophe größten ausmaßes. dieser mann hat sich mangels richtiger poesie suizidiert und konnte mangels richtiger poesie nicht mehr ins leben zurückgerufen werden. eine debatte unter literaturkritikern, germanisten ersten ranges der gesamten deutschen universitätslandschaft, hat den anfang des satzes vergessen und führt ihn deshalb nicht mehr fort. (…) nun ermittelt die polizei in 3 fällen, die sich vermutlich auf 1 einzigen fall konzentrieren. es ist noch nicht klar, wer die drahtzieher hinter diesen ominösen vorgängen sind. eins steht allerdings schon heute abend fest: die poesie der menschlichen rasse hat total versagt !!!“

ZU LESEN HIER:
www.hELaaF.de

VIDEO-Teil 2:

29. April 2011

129. Ein guter Mensch

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , — lyrikzeitung @ 15:14

Der niederländische Journalist Nico Rost, der in den 1920er Jahren mit Benn gut bekannt war, unterhielt sich einmal mit einem Berliner Tabakhändler, bei dem Benn seine Zigaretten der Marke „Juno“ zu erwerben pflegte. Und dieser Mann sprach voll Hochachtung davon, dass „der Herr Doktor einen Arbeitslosen aus dem dritten Stock nicht nur umsonst behandelt, sondern auch die Kohlen für ihn bezahlt hatte. Und wenn Sie wüssten, wie viele Mädchen von der Friedrichstraße nur von ihm untersucht werden wollen, weil er nicht hochmütig ist und fast nichts rechnet. Ein guter Mensch, der Herr Doktor.“ / Hermann Schlösser, Wiener Zeitung

Vor 125 Jahren wurde Gottfried Benn geboren

128. Laufschrift in Jena

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 15:05

Acht Mal im Jahr können Poeten ihre Texte im Kunsthof der Uni-Stadt dem Publikum vorstellen, unter anderem die Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Am 15. Mai laden die Organisatoren erneut ein. Safiye Can stellt ihre Lyrik vor. Außerdem wird Jan Volker Röhnert zu Gast sein. Bei dem in Gera geborenen Literaturwissenschaftler und Autor „haben wir Schreiben gelernt“, sagt Moritz Gause. „Eigentlich ist diese Veranstaltung eine Nachwuchslesung. Aber wir wollen einen Mann vorstellen, dem wir eben unsere erste Schritte verdanken.“ / Thüringische Landeszeitung

127. Ithaka im Sinn

Einsortiert unter: Griechenland, Griechisch, Katalanisch — Tags:, , , , — lyrikzeitung @ 08:20

In seinem vielzitierten Gedicht «Ithaka» beschreibt der Diaspora-Grieche Konstantinos Kavafis das Leben als permanente Migration: «Brichst du auf gen Ithaka / wünsch dir eine lange Fahrt, voller Abenteuer und Erkenntnisse. Die Lästrygonen und Zyklopen fürchte nicht.» Als in den sechziger und siebziger Jahren griechische Arbeitskräfte unter den Argusaugen deutscher Amtsärzte in Athen und Thessaloniki reihenweise ihre «Prüfung» bestehen mussten, ehe sie sich endlich per Sonderzug oder Fährschiff auf die grosse Fahrt ins Jenseits ihrer bekannten Welt begeben durften («Halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier / Und erwirb die schönen Waren: Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz») – da haben auch diese Migranten ihre Lebenswege in einer Art elliptischen Bewusstseins als Odyssee imaginiert, als Irrfahrt zwar, die sich aber mit ihrer heldischen Heimkehr kreislaufartig wieder schliessen sollte: «Immer aber halte Ithaka im Sinn. Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt. Doch beeile nur nicht deine Reise. Besser ist, sie daure viele Jahre.» / Manuel Gogos, NZZ

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