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Archiv für den Tag 10. Januar 2011

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44. Meine Anthologie (Abräumer 2): Ausdrücken

Johanna Schwedes

Warschauer Straße

warm ist die Luft
wie von der Heizung genommen
Stechmücken Würstchenbuden der Kamikaze
mit entsichertem Haar
tanzt auf dem Fenstersims einen Walzer
ein Vogel der fällt
bis in den Straßengraben zwischen Hundetapsen
Zigaretten da
bricht die Eihaut der Augen
wie Fensterglas ich

ziehe die Luft enger
um meine Schultern und suche nach mir
in den kopfkissengroßen Manteltaschen
im Sirren der Gleise
im aufbrechenden Blau

streckt sich die Katze aus dem Schlaf
altmodisch wie ein Grammophon
sitzt sie am Weg
und deutet den Vogelflug
mit Augen aus Zelluloid
darauf sirren die Schwalben
wie Stechmücken

& der Abend ist zum Entzücken man könnte
Gedanken zu Papierschwalben falten und halten
ins Blau doch

ich möchte nur meinen Kopf
auf die Schienen legen
ausdrücken was ich sehe
wie Zigarettenkippen

 

In: Johanna Schwedes
Den Mond unterm Arm
Leipzig: Reinecke & Voß 2010
unpag. (40 Seiten)
8 Euro

43. Ermordet

Über den “bizarren” Mord an dem portugiesischen Fernsehstar und Lyriker Carlos Castro in New York berichtet die Süddeutsche Zeitung.

42. Poetologie des Schmerzes

Durchdringender noch als bei Heine lassen sich die Gedichte der Nelly Sachs, jene dunklen Lieder, gewoben aus der Sprache des Todes, als Erzeugnisse einer Poetologie des Schmerzes verstehen. In der Tat sind sie wesentlich entstanden aus der Erfahrung jenes grossen Leids, das der Holocaust für das Judentum bedeutete. Die Gedichte des Zyklus «In den Wohnungen des Todes», der 1943/44 im schwedischen Exil entstand und 1947 in einem vom Krieg zerstörten Deutschland erschien, gehören zu den eindrücklichsten dichterischen Verbalisierungen eines Schmerzes, der doch jede Möglichkeit dichterischer Versprachlichung übersteigen und, wie Adorno meinte, das schöne Gedicht überhaupt fragwürdig machen musste. Doch ihre förmlich durch die Vernichtung aufgebrochene Sprache wurde – gemeinsam mit der Lyrik des mit ihr befreundeten Paul Celan – zu den wortkräftigsten Widerständen gegen eben jenen Tod. / Andreas Kilcher, Tages-Anzeiger

(Dieser Text ist die gekürzte Fassung des Einführungsvortrags zur Ausstellung «Nelly Sachs. Flucht und Verwandlung», die bis 27. Februar im Strauhof Zürich zu sehen ist.)

41. Andere Wege

Ein dickes und gewichtiges Buch ist anzuzeigen: auf mehr als eintausend Druckseiten versammelt es das lyrische Gesamtwerk von H.G. Adler. Dass der 1988 in London verstorbene Autor, der Theresienstadt und Buchenwald überlebt hat und als einer der letzten Vertreter der Prager Deutschen Literatur gilt, ein derartig umfangreiches lyrisches Werk hinterlassen hat, war bislang weitgehend unbekannt. …

Unterteilt in neun chronologisch gereihte Gruppen, die von 1927 bis 1987 reichen und damit exakt sechs Lebensjahrzehnte umfassen. Die neun Gruppen wiederum sind in zahlreiche einzelne Zyklen gegliedert, in die hinein Adler jene 1.200 Gedichte setzte, die er unter dem Gesamttitel “Andere Wege” als sein lyrisches Vermächtnis verstand. / Klaus Kastberger, Ö1 9.1.

H. G. Adler, “Andere Wege. Gesammelte Gedichte”, Drava Verlag

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