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Archiv für den Tag 13. August 2010

Im Netz seit 1.1.2001

75. Kunst

Eine der verrufensten Städte Schottlands will ihr Image mit Kunst und Poesie aufbessern. Diesen Sommer wird eine £250,000 teure, 10 Meter hohe Stahlfigur in Cumbernauld eingeweiht. Auf ihr ein Gedicht des schottischen Lyrikers Jim Carruth. / BBC News

74. Hinterlassenschaft des Nationalstaatgedankens

Vielleicht wird man einst das Kalevala – das finnische Nationalepos – und sein lyrisches Seitenstück, die Kanteletar, zusammen mit dem Kalevipoeg, dem estnischen Pendant dazu – als die einzigen Hinterlassenschaften des Nationalstaatgedankens betrachten, die es wert wären, dem kulturellen Gedächtnis der Menschheit erhalten zu bleiben. Alle drei Textsammlungen wurden im 19. Jahrhundert kompiliert, redigiert und ergänzt; in Finnland von Elias Lönnrot, in Estland von Friedrich Kreutzwald. Damit gelangte die ostseefinnische Kultur als letzte zu einer nationalen Identität auf der Grundlage antiker, bis dato mündlich überlieferter Schöpfungsmythen und Heldensagen. Was ethnografischer Fleiß und tiefenhistorische Anamnese der Herausgeber zutage förderte und durch Zusammenstellung und Nachdichtung gleichsam neu erfand, harrt außerhalb des Baltikums immer noch der Entdeckung als Zeugnis ebenso versponnener wie vergleichsweise friedfertiger Gründungsmythen. Dabei verdienen die zum Teil aus vorchristlicher Zeit stammenden Lieder und Epen schon deshalb unsere Aufmerksamkeit, weil sie mit erstaunlicher Zähigkeit 700 Jahre Fremdherrschaft ohne schriftliche Fixierung überdauert haben. Noch mehr befremdet die Paradoxie, daß die Herkunft dieser Texte, die doch den Korpus jeweils staatstragender literarischer Denkmäler ausmachen, die nationalen Grenzen zwischen Finnland, Russland und Estland gänzlich ignoriert.  / Daniele Dell’Agli, Perlentaucher 5.8.

73. Der Künstler, der Fremde in uns

Fremdes in uns

Fremdes in uns muß nicht schlecht sein. Im Orakel sprach nicht der arme sterbliche Mensch. Ist nicht meine Krankheit eine “Rollen-Krankheit”? Erst zersplittere ich. Nun zersplittert mein Leben. Hat der Schizophrene die Eigenart, zwischen Rollen zu pendeln? die Macht, als Schreibender in sich selbst Kraft zu sein und Bewegung. Energie und Drang in geheimnisvoller Zielrichtung. Das Kosmische ist im Leib des Körpers, in der Gestalt der Wolke ebenso wie im Sprachleib. Nimmt er immer allzu gierig das Fremde an, wie R.M. Lenz immer wieder Goethe kopierte, ihn nicht schädigend sondern im Motiv eher bestätigend oder ihn erst im Äußersten erschaffend nachlebte? Wie unbewußt ist solch ein Zerrissener: auch “gegen seine Intentionen” sind Dinge in seinen Texten, um “die es sich lohnt”. Er ist sich selbst und Späteren ein Steinbruch, in dem es knirscht, Pulver steigt auf, aber es gibt auch Funkeln und Glitzern aus Kanten und Brüchen. Emanationen. Strahlungen. Lauter kleine Teile, kein Klumpen zu einem Buch. Im TAROT gibt es zwei volle Kugeln. Ich lege die Karten: Schicksal, Königin, Gerechtigkeit.

Wie schmal und klar dein Gesicht ist
-Gerechtigkeit-
wie überdimensional das Schwert
und wie zärtlich die Waage,
die du vorsichtig hältst
Nimm doch die krankenschwesterhafte
Krone vom Haupt, -Königin-
die Haare sind so strähnig so blond
so mädchenhaft wie der ungeküßte Mund

Das -Schicksal- hat eine freie Brust
die volle zwei Kugeln hat
und gleichgerichtet in die Luft
nach vorne nach oben steht

/ Wilhelm Fink (Hamburg)

72. Animierte Typografie

Tablet-Computer wie Apples Ipad gelten als neue Hoffnung für die Medien- und Buchindustrie. Verglichen mit anderen E-Book-Lesegeräten bieten sie dank Touchscreen, stärkerer Prozessorleistung und buntem, zur Video wiedergabe fähigem Bildschirm allerlei Möglichkeiten, E-Books multimedial und interaktiv aufzurüsten. Doch während damit experimentiert wird, Bücher mit Videoclips anzureichern, sie mit Soundtracks zu unterlegen oder mit Videospiel -Elementen zu versehen, ist eine entscheidende – und der Literatur vielleicht besonders gerechte – Möglichkeit bisher kaum beachtet worden: Die Lettern können endlich beweglich werden, die Wörter Laufen lernen. …

Mit dem Ipad und anderen Tablets werden bald schon Kanäle zur Verfügung stehen, die es solchen Präsentationen ermöglichen, ein Publikum zu erreichen, das weitaus größer ist als bisher, da diese Präsentationen nur am Computer zu konsumieren waren. Und indem sie auf einem Lesegerät – und eben nicht auf einem Computerbildschirm – konsumiert werden, wird man diese Werke weniger als Videopräsentation denn als Texte wahrnehmen.

Wer sich eine Reihe solcher Präsentationen anschaut, wird schnell feststellen, dass die Typografie darin eine herausragende Rolle spielt: Die Buchstaben entwickeln hier ein expressives Potenzial, das ihre verschiedensten Aspekte wie Schriftschnitt, Zeichengröße, Farbe, Körperlichkeit, Hintergrundfarbe und Geschwindigkeit des Ablaufes einschließt. Das meiste hiervon war auch auf Papier möglich, hat sich dort abgesehen von künstlerischen Experimenten (wie etwa in Dada-Werken) aber nie wirklich durchgesetzt. Gänzlich neu ist jedoch die Dimension der Zeitlichkeit, der Geschwindigkeit des Ablaufs, in dem diese Typografie vor die Augen des Betrachters gebracht wird. Damit steht eine zusätzliche Darstellungsdimension zur Verfügung, die die anderen Aspekte der Typografie erst recht zur Geltung bringt. Genau dies macht diese neuen Darstellungsmöglichkeiten attraktiv auch für literarische und fiktionale Texte, in denen es nicht darum geht, etwa Video- oder Fotobelege aus der realen Welt einzubinden, sondern sich im Textmedium auszudrücken und dabei die medialen Bedingungen von Sprache und Text selbst in die künstlerische Auseinandersetzung mit einzubeziehen. Text kann jetzt stocken, fließen, sich überschlagen wie Sprache von jeher. …

Der Gedanke, dass bald nicht nur Werkderivate (also Adaptionen traditioneller Literatur, Filme oder Songs in die animierte Typografie), sondern originäre Werke der animierten Typografie entstehen werden, ist reizvoll. Für Lyrik scheint die neue Werkform auf den ersten Blick besonders geeignet: Ich wäre beispielsweise ausgesprochen neugierig auf eine Adaption von MallarmesCoup de des” in bewegten Lettern. /  Tanz der Lettern. Von Thomas Rohde. Perlentaucher 19.5.

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