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Archiv für den Tag 16. Juli 2010

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66. „ich häftlingin du“

Gut gelaunt und heiter führt „effendi im effektenfieber“ das artistische Arsenal vor, über das die Dichterin auch bei ernsten, gar todtraurigen Versanlässen gebietet, etwa beim lyrischen Nachruf auf den an Lungenkrebs gestorbenen Dichterkollegen Thomas Kling: „bronchiale stunts“ lautet der aus Verzweiflung herbe Titel. Fast alle Gedichte werden von einem lyrischen Ich im Gang gehalten, das sich im Selbstgespräch als mal vertraute, mal sehr fremde, immer jedoch als andere, zweite Person wahrnimmt – „ich häftlingin du“. Unter den erkennbar autobiographisch grundierten Poemen leuchtet ebenfalls ein Nachruf hervor, dieses Mal einer zu Lebzeiten und auf jenen „zerbrochenen bruder“, der bei der Stasi war und doch im „schädelfach“ der Schwester ein ganz Naher, ein Nächster bleibt.

Sieht man von einigen zu üppig, damit wohlfeil gesetzten Genitivmetaphern wie dem „pfahl des verzeihens“ oder der „sprachenbrache des erinnerns“ einmal ab, herrscht in Kathrin Schmidts „blinden bienen“ allenthalben die reine Kunstfertigkeit. Sie zu bewundern ist legitim, auf die Dauer, es sei zugegeben, aber auch etwas anstrengend. Diese Dichterin verlangt stets nach dem erkennenden Leser. Ihn ohne intellektuellen Umweg unmittelbar zu rühren käme ihr nie in den Sinn. / Jochen Hieber, FAZ 16.7.*)

Kathrin Schmidt: „blinde bienen“. Gedichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 90 S., geb., 16,95 Euro.

*) Im WWW ist das Datum nicht immer als gegeben anzusehen. Jedem Gedicht mag sein Datum eingeschrieben sein, aber beileibe nicht jedem Artikel. “16. Juli 2010″ steht vor dem ersten Wort der Besprechung. Im Druck war es da freilich noch nicht erschienen. Grundsätzlich kann man sich auf Datierungen von Zeitungsartikeln im Netz so wenig verlassen wie auf den Wortlaut, der manchmal ebenso abweicht wie die Bebilderung. Jede Zeitung geht anders damit um, nur wenige, wie die Frankfurter Rundschau, explizieren Veröffentlichungs- und Erscheinungsdatum. “FAZ.net” wäre denn auch korrekter. Im Zweifel muß man immer suchen, wenn man einen Artikel in der Zeitung aufsuchen will. Entweder einen Tag später, oder ein paar Tage früher oder manchmal auch Jahre früher… oder nie erschien der Text im Druck.

65. Fundgrube

Der »Anthologist« ist ein literarischer Zwitter, Essay und Roman vermischen sich. Die lyrischen Reflexionen des Erzählers kreisen vor allem um den Reim, den er nicht müde wird zu verteidigen, obwohl er selbst reimlose Gedichte schreibt. Für Freunde der angloamerikanischen Lyrik mag der »Anthologist« eine Fundgrube sein, aber die »Weltsprache der Poesie«, wie sie Enzensberger in seiner Sammlung »Museum der modernen Poesie« präsentierte, sucht man vergebens. / Fitzgerald Kusz, Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung 15.7.

Nicholson Baker: Der Anthologist. Roman. Übersetzt von M. Göritz und U. Strätling. C.H. Beck Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro.


64. Nachbarschaft

“Nachbarschaft” war Bobrowskis Lebensthema, es ging ihm um den mythischen Raum “Sarmatien”, die nordosteuropäische, sich weit nach Russland hineinstreckende Landschaft aus Wäldern, Senken, Seen und Flüssen und das Völkergemisch, das dort vor der Eroberung durch die Nazis zusammenlebte. …

Bobrowski passte Anfang der 60er Jahre weder in die sprachzerlegende Spätmoderne der “abstrakten Fliesenleger” noch zu den “Nüssebewisperern” der Naturlyrik: Er stand einzigartig da, unbedingt zeitgenössisch und doch unverkennbar in der Tradition verankert.

/ Helmut Böttiger, DLR 15.7.

Johannes Bobrowski: Nachbarschaft
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010
77 Seiten, 8 Euro

63. Urteil

“Seine Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.”

Heinrich Böll über Marcel Reich-Ranicki, Die Welt 16.7.

Vgl. Ernst Jandl: Urteil (“Die Gedichte dieses Mannes sind unbrauchbar”, 1956. In. E.J.: dingfest. gedichte)

62. Der junge Hacks

Jetzt läßt sich folgendes über die Edition der frühen Werke sagen: Wir werden einen sehr dicken Gedichtband kriegen, sind derzeit bei mehr als 400 Gedichten, und es werden noch mehr – etwa durch die, die in Briefe eingestreut sind. Wir haben es weiterhin mit einem Band dramatischer Arbeiten zu tun. Er hat, wie jeder anständige Dichter, wie Goethe und auch Heine, in früher Jugend einen »Belsazar« geschrieben. Den gibt es in zwei Fassungen. … Es geht also um drei bis vier dicke Bände, ein beeindruckendes Frühwerk, und die Zäsur ist eindeutig 1955. / Der Verleger Matthias Oehme im Gespräch mit der Tageszeitung junge Welt vom 16.7.

Vgl. Seltsame Freunde. Peter Hacks und der »falsche Anhang«. Von Heidi Urbahn de Jauregui. junge Welt 1.7.

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