58. Projektionsfläche Ostsee

Die überdies schön gestaltete Sammlung von über 100 zeitgenössischen Ostseegedichten liest sich bei aller Vielfalt – so unterschiedliche lyrische Temperamente wie Jan Wagner und Claudia Gabler, Nico Bleutge und Ulrike Draesner, Volker Braun und Kathrin Schmidt sind vertreten – als stimmiges Ganzes.

Das mag auch daran liegen, dass die Ostsee in den meisten Gedichten als Ort der Kontemplation und Reflektion, nicht als wild stürmendes Überwältigungsmeer in Erscheinung tritt. Wie eine leere Projektionsfläche mutet sie zuweilen an, ein blanker Spiegel oder auch ein weißes Blatt Papier. Die paar Fische, Möwen, Schiffe, die sich auf und in ihr herumtreiben, sind eigentlich nicht der Rede wert. Und was die Küste angeht, die die Dichter mitunter auch vom Meer aus beobachten – das polnische Frombork etwa betrachtet Jan Wagner vom Wasser aus – so hat auch die in der Regel nicht viel zu bieten: Ein Kirchlein, etwas Bernstein und das war es dann auch schon:

“Hach, an diesem Ort
hast du multiple Namen, hier flattert deine Hose
irre im Wind, nichts, wirklich rein gar nichts ist
bedeutungsvoll hier, life is a fucking beach.”

So die Diagnose Claudia Gablers. Aber natürlich ist die Ostseeküste auch ein historischer Ort: Hier bauten Nazis Bomben und Erholungsheime, hier schiffte sich die schwedische Flotte ein. Echos dieser Ereignisse klingen in den Gedichten dieses Buches immer wieder an. Besonders gründlich vermag der in Greifswald geborene Steffen Popp die historischen Tiefenschichten lyrisch auszuloten (einem seiner Gedichte ist übrigens auch der Titelvers entnommen).

/ Tobias Lehmkuhl, DLR

Ron Winkler (Hg.): Die Schönheit ein deutliches Rauschen. Ostseegedichte
Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2010
156 Seiten, 15 Euro

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