Lyrikzeitung & Poetry News

30. April 2010

150. Istanbul

Einsortiert unter: Türkei — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 09:17

„Ich höre Istanbul zu, meine Augen geschlossen. /
Erst weht ein leichter Wind, /
Ganz leicht bewegen sich /
Die Blätter in den Bäumen. /
Weit, ganz weit in der Ferne, /
Die unaufhörliche Klingelei der Wasserverkäufer.
Ich höre Istanbul zu, meine Augen geschlossen.“

Das wohl berühmteste Gedicht Orhan Velis (1914-1950) ist natürlich auch zu hören in Joscha Remus’ großem, abwechslungsreichem Porträt der Stadt am Bosporus. / Alexander Kluy, DER STANDARD 30.4.

Joscha Remus, „Istanbul“ . € 25,20 / 2 CDs / 157 min. Headroom-Verlag, Köln 2010

149. Darwischs letzte Gedichte

Einsortiert unter: Arabisch, Palästina — Tags:, — lyrikzeitung @ 08:58

Was für ein Theater um ein Fragezeichen! Welcher Lärm wegen ein paar gestrichener Stellen! Und doch kommt es auf sie an, wenn man bedenkt, daß mancher Schriftsteller einen Vormittag damit verbringt, ein Komma zu setzen, das er am Nachmittag wieder löscht. Der Dichter Machmud Darwisch, einer der größten in arabischer Sprache, war von der Art. Das Erscheinen seines letzten Buches, Le Lanceur de dés et autres poèmes (Actes Sud, 88 p., 21 euros), ausgestattet mit verstörenden Bildern von Ernest Pignon-Ernest, stellt eine entscheidende Frage: was soll man veröffentlichen, wenn der Autor nicht mehr da ist?

Am Tag nach seinem Tod im August 2008 entdeckten sein Bruder und eine kleine Gruppe seiner Freunde unter seinen hinterlassenen Papieren jene Gedichte, manche knapp skizziert, andere augenscheinlich vollendet, an denen er arbeitete. Was tun damit? Manche wollten nur das tatsächlich Vollendete veröffentlicht sehen, andere alles. / Pierre Assouline, Le Monde 29.4.

148. Meine Anthologie 40: Salvatore Quasimodo, Curva minore/ Der kürzere Bogen

Einsortiert unter: Italien — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 07:57

Der kürzere Bogen

Laß mich, oh Herr, daß ich nicht höre,
versunkene Jahre schweigend mich entblößen,
daß alle Pein in freien Fluß sich wandelt:
der kürzere Bogen
des Lebens verbleibt mir.

Mach mich zu Wind, der selig weht,
zu Gerstensamen oder Aussatz,
der sich in vollem Werden zeigt.

Und sei es leicht, dich zu lieben
als Pflanze, die ihrem Licht entgegenwächst,
als Wunde, die das Fleisch zerfrißt.

Ich versuche ein Leben:
ein jeder wankt ermattend
auf der Suche.

Du verläßt mich wieder: allein bin ich
im Schatten, der zum Abend sich weitet,
und keine Pforte öffnet sich dem süßen
Verströmen des Blutes.

Deutsch von von Gianni Selvani

Curva minore

Pèrdimi, Signore, ché non oda
gli anni sommersi taciti spogliarmi,
sí che congi la pena in moto aperto:
curva minore
del vivere m’avanza.

E fammi vento che naviga felice,
o seme d’orzo o lebbra
che sé esprima in pieno divenire.

E sia facile amarti
in erba che accima alla luce,
in piaga che buca la carne.

Io tento una vita:
ognuno si scalza e vacilla
in ricerca.

Ancora mi lasci: son solo
nell’ombra che in sere si spande,
né valico s’apre al dolce
sfociare del sangue.

Aus: Salvatore Quasimodo, Das Leben ist kein Traum. Ausgewählte Gedichte Italienisch/ Deutsch. Übertragung und Nachwort von Gianni Selvani. München Zürich: Piper 1987 (Neuausgabe), S. 22f.

© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2000.

147. Geistersehen

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, — lyrikzeitung @ 07:45

Die Gedichte Marion Poschmanns haben ihre eigene Logik zwischen der Prosa und dem lyrischen Sprechen. Manchmal nähert sie sich zu sehr den Wortmoden von heute an: Wenn sie ein Bild „bis zum Anschlag“ ausweitet und „bis zum Abwinken offen halten“ will. Das weiße Rauschen der Medien, natürlich, es ist auch in der Lyrik kaum zu unterdrücken. Auch manches Bild verwässsert Poschmann mehr, als sie es verdichtet. Etwa wenn sie einer Verkehrsampel die Ironie zumutet: “ irgendwie süß: denn wir sollen hier eine Anweisung / für unser weiteres Leben entnehmen“. Doch Marion Poschmann ist unterwegs. Sie startet auf dieser neuen Station ihres „Geistersehens“ eine vorsichtige Extratour, um durchs Prosaische hindurch auf Spuren des Lichts zu treffen. / Wilhelm Hindemith, Badische Zeitung 30.4.

Marion Poschmann: Geistersehen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2010. 126 Seiten, 17,80 Euro.

146. Frenetische Stille

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, — lyrikzeitung @ 06:20

Wenn man Worte so aneinanderreiht, dass sie nicht das ergeben, was man landläufig als Sinn begreift, dann heben sie sich in ihrer Bedeutung gegenseitig auf. Es entsteht vielleicht etwas, dass man als eine Art Stille betrachten kann. Ist das Wortmaterial, mit dem diese Form von Stille erzeugt wird, ausgefallen, laut, vielleicht sogar schrill, dann kann man wohl von einer „Frenetischen Stille“ sprechen.

Ron Winkler ist mit seinem gleichnamigen Gedichtband endgültig in der Postmoderne angelangt. Es geht ihm nicht mehr darum, Realität mit Hilfe eines technisch-wissenschaftlichen Vokabulars zu beschreiben und dadurch zu brechen, wie dies noch in „vereinzelt Passanten“ oder „Fragmentierte Gewässer“ der Fall war. Es geht darum, Sprache zu dekonstruieren und neu zueinander in Beziehung zu setzen („laut Statistik waren wir vorgesehen. ich formatierte / ein Lächeln und du, du, was sah dein Elektroplan vor?“ – „place to beast“ oder „wir hatten Diät miteinander. demnach / Organe / und „Kabbala-Wasser.“ – „draußen. ein Märchen“). Häufig arbeitet Ron Winkler mit Neologismen wie „Punkpraktikanten“, „Heideggerkeit“ oder „Endvierzigerjesusfüße“, Tautologien („inwiefern Sprache eine Vorschau auf Sprache sein konnte“ – „vereinzelt Pulp Fiction“ oder „das Wasser war so klar, wie Wasser, das klar ist“ – „kaltes klares Nordmeer“) oder belebt alte rhetorische Figuren wie Variatio und Correctio („als uns selbst. als unser Selbst. als selbst uns“ – „Fächer: von den Jahren der Reise an einem einzigen Tag“ oder „hatten sprechen wollen. sprechen können. hätten sprechen dürfen“ – „die ideale Welt“). …

… Ein wenig wehmütig denkt man an Zeiten zurück, als Autoren noch klar erkennbare inhaltliche Positionen – auch im Gedicht – vertreten haben. / Andreas Hutt, literaturkritik.de

Ron Winkler: Frenetische Stille. Gedichte.
Berlin Verlag, Berlin 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783827009203

29. April 2010

145. Meine Anthologie 39: Leszek Szaruga, Bedingtheiten

Einsortiert unter: Polen — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 12:56

Bedingtheiten

Mein Bekannter versteht
die Gedichte nicht. Und das ist in Ordnung, aber

die Gedichte verstehen meinen Bekannten
nicht. Und damit

muß etwas geschehen. Unbedingt.

1980
Ü: Karl Dedecius

Aus: Ein Jahrhundert geht zu Ende. Polnische Gedichte der letzten Jahre. Hg. Karl Dedecius. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 57.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors 2001 in meine virtuelle Anthologie eingereiht

144. SWR Bestenliste Mai

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , — lyrikzeitung @ 11:13

Platz 3 (7) 50 Punkte

MICHAEL LENTZ: Offene Unruh 100 Liebesgedichte
S. Fischer Verlag
Mittelschwere Lektüre
176 Seiten,  16,95 Euro

es regnet/das ist unser/hintergrund/wir gehen in deckung/
vom regen verstehen/wir/mehr als von uns

Platz 4-5 (9-10) 25 Punkte

JAN FAKTOR: Georgs Sorgen um die Vergangenheit
oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Leichtere Lektüre
640 Seiten, 24,95 Euro

„Es ist die allgegenwärtige Wehmut, von der die weise Komik
dieses Coming-of-Age-Romans kündet, eine Empfindsamkeit,
die nicht ausgestellt wird, aber durchschimmert und die Groteske
vor dem Leerlauf rettet.“ (Felicitas von Lovenberg)

/ http://www.swr.de/bestenliste

143. Abgesang auf Kriege

Einsortiert unter: Englisch, Großbritannien, Schweiz — Tags:, , — lyrikzeitung @ 11:07

Verschiedene Chöre und Orchester, darunter das Akademische Orchester Zürich, intonieren gemeinsam Ende Mai das «War Requiem» von Benjamin Britten. ETH Life verlost für die Konzerte in Zürich und im KKL Luzern je 5×2 Tickets.

… Er verband die katholischen Requiems mit Texten des englischen Kriegspoeten Wilfred Owen. Dieser starb am 4. November 1918 – eine Woche vor Kriegsende – und hinterliess Gedichte, die er in den zwei letzten Kriegsjahren geschrieben hatte. Britten wählte neun davon aus. Die Verwendung der Verse beeinflusst den Aufbau des Werkes stark. Die vertonten Gedichte werden nicht nur zwischen die einzelnen Sätze des Requiems geschoben, sondern teilweise mitten hinein. Die englischen Gedichte Owens bilden zudem in vielerlei Hinsicht einen Kontrast zum lateinischen Text.

Britten ordnet dem Text der Totenmesse das grosse Orchester, den Chor und Knabenchor und die weibliche Solistin zu. Owens Gedichte hingegen werden von einem Kammerorchester, dem Tenor und dem Bariton vorgetragen. Die Dramaturgie des Werkes ist von dieser Gegenüberstellung geprägt. / ETH Zürich Life

142. Bodenlos

Einsortiert unter: Ukraine — Tags:, — lyrikzeitung @ 04:35

Wie benenne ich das Weltgefühl, das die Texte verbindet? Verlorenheit? Und was wäre damit gesagt über das bodenlos Schwingende dieser Gedichte, die so viel mehr sind, als die Worte sagen? Beschreibst du ihren Inhalt, erfasst du sie doch nicht. Du liest und siehst die Welt mit den Augen eines anderen, der mehr Weltbürger ist als du, obwohl oder gerade weil er weit im Osten Europas lebt. (…)

Andruchowytsch – ein Romantiker, der cool tut, einer, dem die Erde nicht reicht, für sich einen Platz zu finden. – Aber das ist auch bloß ein Klischee … / Irmtraud Gutschke, ND 29.4.

Juri Andruchowytsch: Werwolf Sutra. Gedichte. Verlag Das Wunderhorn. 92 S., brosch., 17,80 €.

141. Frauenliebe und -leben

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 04:22

Ein ganzes Frauenleben von der ersten überschwänglichen Liebe über die innig herbeigesehnte Hochzeit und das Glück des Mutterwerdens bis zur Einsamkeit der früh Verwitweten packte der Dichter Adelbert von Chamisso in neun prägnante Gedichte.

Acht davon vertonte Robert Schumann zum Liederzyklus «Frauenliebe und -leben» opus 42. Ob Schumann ahnte, dass er damit auch den Lebensweg seiner eigenen Frau Clara künstlerisch darstellte, verarbeitete und vorwegnahm, darüber ließe sich trefflich spekulieren. Die Gedichte Chamissos, die das Frauenideal des 19. Jahrhunderts ebenso sprachkräftig wie ernst spiegeln, erfreuten sich jedenfalls zur damaligen Zeit großer Beliebtheit und Wertschätzung. / Ulrich Boller, Frankfurter Neue Presse

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