Startseite » 2010 » Februar » 23

Archiv für den Tag 23. Februar 2010

Im Netz seit 1.1.2001

153. Was Lichtenberg geschrieben hätte

Mit „Ode an die freie Unternehmung“ ist der Lyrikband des rumänischen Dichters Caius Dobrescu betitelt – und überraschenderweise heißen auch alle 34 Gedichte genau so. Kriterien einer – ökonomischen – Unternehmung sind laut Wirtschaftsratgeber unter anderem Autonomie und Alleinbestimmung, wozu heutzutage die besondere Rolle von Informationsbeschaffung und „Humankapital“-Einsatz, von Modularisierung, Symbiosen und Grenzüberschreitungen hinzukommen. Auch das Verfassen von Lyrik ist eine Unternehmung, und die genannten Kriterien finden sich in den Versen Dobrescus wieder, wobei zwar das erwerbswirtschaftliche Prinzip eher zu vernachlässigen, ein Gewinn im Ideellen jedoch allemal gegeben ist. …

Nicht Pathos und Bewunderung wie in der traditionellen Ode gilt es für Dobrescu auszudrücken, sondern: „Die wahre Ode weiß in der Ursprungsphase nicht, worüber sie handelt“; „Sie ist geboren, die Ungewissheit von innen heraus zu lobpreisen.“ „Ode ist somit nicht das, / was Schiller geschrieben hat, / sondern was Lichtenberg gegebenenfalls geschrieben hätte.“ Nicht von Überschwang, sondern von Zweifel und Unruhe zeugt seine Lyrik, in der sich wissenschaftlich anmutende Gedankenspiele, Schwebezustände, ein hinterfragender, kritischer Blick, Katastrophenschilderung, aber auch das Aufleuchten von Schönheit und Natürlichkeit finden lassen.

Dobrescu und dem Nachdichter seiner Gedichte ins Deutsche, Gerhard Csejka, wurde für den Band „Ode an die freie Unternehmung“, der 2006 als bibliophiler RanitzDruck Nr. 13 der Edition Thanhäuser erschien, der Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie 2009 verliehen. Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um den Nachdruck dieser ersten deutschsprachigen Buchpublikation des Dichters, der 1966 in Siebenbürgen geboren wurde, als Hochschuldozent in Braşov/Kronstadt und Bukarest Literaturgeschichte und -theorie lehrt und in den vergangenen dreißig Jahren zahlreiche Lyrik-, Prosa- und Essaybände veröffentlichte. …

Nach Gellu Naum (sowie seinem Nachdichter Oskar Pastior) und Daniel Bănulescu (nebst Nachdichter Ernest Wichner) wurde in diesem Rahmen übrigens nun schon der dritte rumänische Dichter geehrt, dem für seine nachdenkliche, verstörende, sinnliche, komische oder einfach schöne Poesie zahlreiche Leser zu wünschen sind. / Anke Pfeifer, literaturkritik.de

Caius Dobrescu: Ode an die freie Unternehmung. Gedichte.
Übersetzt aus dem Romänischen von Gerhardt Csejka.
Daedalus Verlag, Münster 2009.
48 Seiten, 9,00 EUR.
ISBN-13: 9783891263112

152. Spitzel

In der FAZ vom 21.2. spricht Felicitas von Lovenberg mit dem aus Rumänien stammenden Schriftsteller Richard Wagner über weitere Details des Securitate-Netzes:

Nach dem Lyriker Werner Söllner, der sich im Dezember öffentlich zu seiner Securitate-Mitarbeit bekannt hat, ist dies binnen kurzer Zeit der zweite Fall eines als Spitzel enttarnten Schriftstellers. In einem weiteren Fall streitet der als IM „Voicu“ enttarnte Journalist Franz Thomas Schleich seine Securitate-Tätigkeit noch ab. In allen drei Fällen waren Sie selbst als Opfer betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Maß. Welcher trifft Sie persönlich am stärksten?

Besonders trifft mich natürlich der Fall Söllner. Werner Söllner war mir seinerzeit in Rumänien ein wichtiger literarischer Gesprächspartner. Seine Gedichte gehören zum Besten der rumäniendeutschen Literatur. Was mich bei Grosz empört, ist vor allem die kriminelle Energie, die er bei seiner IM-Tätigkeit entfaltete. Er hat sogar die Details eines psychischen Zusammenbruchs meines Kollegen Gerhard Ortinau an den Geheimdienst weitergegeben, und der Gipfel ist, dass er jetzt sagt, er habe bewusst Privates in die Berichte geschrieben, um so wenig politischen Schaden wie möglich anzurichten.

151. American Life in Poetry: Column 257

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Often when I dig some change out of my jeans pocket to pay somebody for something, the pennies and nickels are accompanied by a big gob of blue lint. So it’s no wonder that I was taken with this poem by a Massachusetts poet, Gary Metras, who isn’t embarrassed.

Lint

It doesn’t bother me to have
lint in the bottoms of pant pockets;
it gives the hands something to do,
especially since I no longer hold
shovel, hod, or hammer
in the daylight hours of labor
and haven’t, in fact, done so
in twenty-five years. A long time
to be picking lint from pockets.
Perhaps even long enough to have
gathered sacks full of lint
that could have been put
to good use, maybe spun into yarn
to knit a sweater for my wife’s
Christmas present, or strong thread
whirled and woven into a tweedy jacket.
Imagine entering my classroom
in a jacket made from lint.
Who would believe it?
Yet there are stranger things—
the son of a bricklayer with hands
so smooth they’re only fit
for picking lint.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Gary Metras, whose most recent book of poems is Greatest Hits 1980-2006, Pudding House, 2007. Poem reprinted from Poetry East, Nos. 62 & 63, Fall 2008, by permission of Gary Metras and the publisher.

Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

150. “Das ist mir entgangen”

“Ich empfinde es als Zumutung, so ein Heft in die Hand gedrückt zu bekommen”, schimpfte Mayer. Darüber hinaus sei es widersprüchlich, Mitglied im “Bündnis gegen Rechts” zu sein und gleichzeitig eine Broschüre mit einem Gedicht von Eckart zu verteilen. Der im Jahr 1868 in Neumarkt geborene Dietrich Eckart war ein geistiger Mentor von Adolf Hitler und ist Dichter des “Sturmliedes” der SA. Eckart war außerdem Chefredakteur des Völkischen Beobachters und Hitler widmete ihm sein Buch “Mein Kampf”.

“Diese Schattenseite der Broschüre ist mir entgangen”, bekannte Landrat Albert Löhner (CSU) und versprach, künftig genauer aufzupassen. / Donaukurier 22.2.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 283 Followern an