Lyrikzeitung & Poetry News

28. Februar 2010

191. Anschlußfähig

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, — lyrikzeitung @ 20:31

Benn ist erstaunlich anschlussfähig an die künftige spät- und postmoderne Wahrnehmung, er bricht das Pathos, wenn es übermächtig zu werden scheint, und versetzt seine Sprache immer häufiger mit Alltagsslang, mit Anspielungen an die Populärkultur. Der Benn-Sound spielt mit Elementen des Pop, bevor es einen Begriff dafür gibt. Benn neigt nicht zu großen Gefühlen. Aber da er sie trotz allem ständig in sich spürt, hebelt er sie durch eine zwischen Zynismus und abgründiger Weisheit ständig changierende Artistik immer wieder aus. Einmal schickt ihm sein Brieffreund Friedrich Wilhelm Oelze eine Liste mit Fragen zu den neuesten Manuskripten, und bei Oelzes Frage nach dem Begriff »Colt« entfährt es Benn: »Colt – aber, Herr Oelze! Lesen Sie keine Kriminalromane? Ich ständig, wöchentlich 6, Radiergummi fürs Gehirn – ein berühmter amerikanischer Revolver, ohne den kein Scotland Yardmann auftritt.«

Damit lässt Benn die zeitgenössische deutsche Diskussion um »Geist« und Schicksal weit hinter sich. Benn hat aber auch eine Neigung zum Schlager. Blumen und Pflanzen leisten ihm immer wieder gute Dienste zur Seinsvergewisserung. Die Anemone kommt vor und einmal auch die Eberesche, am meisten hat es ihm allerdings die Rose angetan, und man kann sich das durchaus auch in einer anderen Form vorstellen, gesungen von der dunklen Stimme Zarah Leanders:

Wenn erst die Rosen verrinnen
aus Vasen oder vom Strauch
und ihr Entblättern beginnen,
fallen die Tränen auch.

/ Einführung in das Thema durch den Kurator der Ausstellung „Doppelleben“ Helmut Böttiger   >>lesen

190. Horrorshow

Man spricht leicht von Restauration und Mief der Adenauer- (und Ulbricht-)Zeit. Die Hamburger Ausstellung (#189) – schon in der Einführung von Helmut Böttiger – liefert erschreckende Fakten, die das Bild auffrischen mögen. Eine kleine Blütenlese (hach, Blüten: eine kleine Horrorshow!) in Originalzitaten sowie eine Passage über Gottfried Benn (#191):

Frank Thiess an die Witwe des von den Alliierten zum Tode verurteilten Kriegsverbrechers Alfred Jodl 1947:

Vom Standpunkt der Pharisäer aus gesehen, wurde auch Jesus bestraft, doch die Christen wendeten diese »Strafe« in ein Opfer, das er für die Sünden der Menschheit brachte, und so ging von Golgatha ein Strom des Lebens aus. Die Zelle des Generalobersten Jodl ist heute so groß wie ganz Deutschland, und die Richter über uns werden andere sein als die Männer in Nürnberg. Die Geschichte richtet immer anders als die Gegenwart.

Geburtstagsglückwunsch der FAZ für Thomas Mann zum 75., 1950:

Es geht nicht an, in Geburtstags-Sentimentalität zu vergessen, was uns von Thomas Mann scheidet. Er tritt uns als Exponent einer bis zur Dummheit gehenden Abneigung gegen Deutschland entgegen, und diesem Affekt, der ihn zu verzehren scheint, antworten aus dem Volk, dem er einmal angehörte und von dessen Schicksal er sich nicht 1933, sondern 1945 trennte, Verachtung und Wut.

Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Rudolf Pechel 1950:

Wenn es noch eines Anstoßes zum Eintritt in den Kampf für geistige Freiheit bedurft hätte, so böten ihn die Vorgänge im östlichen Deutschland; sie gingen in ihrer Roheit, Gemeinheit und Dummheit noch über das hinaus, was sich die Nationalsozialisten an Unterdrückung des freien Geistes geleistet hätten.

Der Vizepräsident der Akademie Frank Thiess:

»Die Einheit Deutschlands in Ehren, doch man kann und darf sie nur auf Deutsche erstrecken, wobei ich ganz privat der Ansicht bin, daß Döblin, Zweig und Becher drei Juden und Emigranten sind, die gefühlsmäßig zusammengehören.«

Das Gründungsmitglied ebender Akademie Werner von der Schulenburg 1951:

»Ich beobachte ein Vordrängen der jüdischen Autoren, vor allem der Ausländer, speziell in unserem Theater. Wir deutschen Bühnenautoren werden, bis auf einige Emigranten, überhaupt nicht gespielt, gespielt werden dagegen sehr viele Juden, die eine lebhafte Unterstützung in der deutschen Presse finden.«

189. Doppelleben

Einsortiert unter: Österreich, Deutsch, Deutschland — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 19:12

In der Hamburger Freien Akademie der Künste gibt es bis 21.3. die Ausstellung „Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“ mit viel Material – auch in einem zweibändigen Katalog und online, zB:

  • „Aber lachen konnte ich immer …“ Adolf Endler im Gespräch   >>lesen
  • Die Moderne rauschhaft aufgesaugt“ Jürgen Becker im Gespräch   >>lesen
  • Kaum vorstellbares „Ausmaß an reaktionärem Muff“ Gerhard Rühm im Gespräch   >>lesen

188. Sehnsucht Oper

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, — lyrikzeitung @ 13:08

Es gibt eigentlich keine größere Sehnsucht für einen Dichter als jene, dass die Sätze, dass die Sprache zu singen beginnt, dass die ihr eingeschriebene Musik und Rhythmik über Sinnlichkeit Sinn stiftet. Lyrik kommt ja von der Lyra. Die Oper macht den Sprach- zum Klangraum, sie ist Welttheater, weil sie immer den Weltentwurf im Auge und den Horizont auf den Stimmbändern hat. Für mich hat Oper immer auch etwas von Fitzcarraldo, diesem Wunsch, das Unerhörte hörbar zu machen und dafür Schiffe über Berge zu ziehen, kein Opfer zu scheuen, bis endlich eine Oper im Dschungel steht. / Albert Ostermaier im Gespräch mit der „Welt

187. Gedichte von Gert Jonke

Einsortiert unter: Österreich, Deutsch — Tags:, — lyrikzeitung @ 10:03

Jetzt präsentiert der Salzburger Verlag Jung und Jung Gert Jonke als Lyriker: „Alle Gedichte“, so der Titel, von Jonke hat der Klagenfurter Germanist Klaus Amann in einem Band versammelt. / Ö1 Inforadio

186. schmetterlingssäge.doc

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, — lyrikzeitung @ 09:41

Den mit 46 Gedichten weitaus größten Abschnitt seines Debütbandes hat Andre Rudolph „schmetterlingssäge.doc“ überschrieben. … Es werden aber weder Tag- oder Nachtpfauenaugen zerschnibbelt, noch ergeht sich Rudolph in schweißgetriebenem lyrischem Holzrauchproduzieren. Es sind Gedichte nach dem Ausgebranntsein der Sprache, der Welt. / Elmar Krekeler, Die Welt

fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit.
Von Andre Rudolph. luxbooks, Wiesbaden. 104 S., 18,50 Euro.

185. Babi Jar

SZ sprach mit dem Bassisten Yorck Felix Speer, „Enkel von Hitlers Lieblingsarchitekten und zwischenzeitlichem Rüstungsminister Albert Speer“, und mit dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg, dessen Großvater im Widerstand gegen Hitler hingerichtet wurde. Beide haben zusammen Schostakowitschs 13. Symphonie „Babi Jar“ nach Gedichten von Jewgenij Jewtuschenko interpretiert. Auszug (SZ 19.2.):

Am 29. und 30. September 1941 massakrierte die SS mit Unterstützung der deutschen Wehrmacht mehrere zehntausend Juden in der Schlucht namens „Babi Jar“ am Rande von Kiew. Darüber schrieb Jewgeni Jewtuschenko ein Gedicht, das Dmitrij Schostakowitsch neben vier weiteren Gedichten des Autors 1962 in seiner 13. Symphonie „Babi Jar“ vertonte. …

SZ: Aber worauf zielt denn Schostakowitsch, gerade wenn man die vier anderen Gedichte Jewtuschenkos betrachtet?

Guttenberg: Jedenfalls zielt er nicht auf die Deutschen, das ist das Große daran. Er greift den Antisemitismus grundsätzlich an. Und, da sind wir wieder bei unserer überwältigenden Aufführungssituation, gleichzeitig kann ich nicht vergessen, wer Felix ist, wenn er es mir schon sagt.

27. Februar 2010

184. Liebesgedichte und Videolesung

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 19:41

Über die Leser anspruchsvoller Lyrik in Deutschland kursieren ohnehin nur Dunkelziffern.

Thomas Kling vermutete einmal, es könne sich höchstens um dreihundert handeln, während Hans Magnus Enzensberger ihre Zahl auf immerhin 1354 schätzte – aber das ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Auflage der meisten Lyriktitel liegt bei 250 bis siebenhundert Exemplaren; Anthologien schaffen etwas mehr. …

Doch jetzt erscheint ein Liebesgedichtband, der das Zeug zum Volksbuch hat – und verdient hätte, eins zu werden: „Offene Unruh“ von Michael Lentz. Es gehört nicht in die Bibliotheken, sondern in jede Jackentasche. Dabei ist der Band eine Provokation, eine Anmaßung, ganz wie das Gefühl, um das es geht. Vor allem aber ist er ein eingelöstes Versprechen, ein erneuter Beweis der sich immer noch steigernden Gedankenschärfe und Ausdruckskraft seines fünfundvierzigjährigen Autors. Die Liebe lässt sich nicht beherrschen, die Sprache der Liebe schon: Das macht „Offene Unruh“ zu einem Werk, das diese Frühjahrssaison weit überdauern wird. …

Von heute an bis zum Erscheinen von „Offene Unruh“ am 11. März im S. Fischer Verlag präsentieren wir täglich eine neue Gedicht-Performance von Michael Lentz.

/ Felicitas von Lovenberg, FAZ 26.2.

183. Schlüsselroman

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Ein früher Schlüsselroman der Beat-Generation konnte jetzt, nachdem alle Beteiligten tot sind, erscheinen: „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, geschrieben 1945 von William S. Burroughs und Jack Kerouac. / FR 8.2.

Mehr: FAZ 19.2.

182. Alles gleichzeitig

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 19:14

Peter und Thomas Brasch starben im Juni und November 2001. „Die Männer der Familie Brasch waren nicht sehr kräftig“, sagt Katja Lange-Müller, „aber sie wollten in geradezu rasendem Aktionismus immer alles gleichzeitig machen.“ / FR 15.2.

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