Lyrikzeitung & Poetry News

10. Januar 2010

54. Meine Anthologie: Vier neue Gedichtbände

Einsortiert unter: Österreich, Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , , , — lyrikzeitung @ 22:28

Blätternd in 2009 erschienenen Gedichtbänden (nein, sooo vielen nicht, nur halt anno 2009), beglückt mich Fülle und Verschiedenheit. Ich lese verschiedene Arten von Gedichten, ja doch! Was mich eben, heute nachmittag, traf, drängt in meine Anthologie. Leonhard Lorek, von dem ich zuletzt, auch schon ein Weilchen her, Songtexte las, ist da mit Gedichten wie diesem:

Monika Rinck ist da im Doppelpack, wunderbar verspielt und ernst zugleich. Etliches, was ich mir merken werde, von Katzen und Stefan George, Quitten und Emily Dickinson. Welches nehmen, Irrgum Burrgum? Ich entscheide mich für die Grammatik, also die Ratte:

ratte, stille einfalt

arrgh. die geometrie dieser ratte, harte fügung. darf das die grammatik? sie entlehnt sich. wo hatte ich das nur gelesen? angstbelastete formen, jaja. es grollt. ein rollender reiter. ein bote. am teich aber die einfalt und der schatten des aufgezogenen buschwerks. ich muß wieder fragen: die grammatik, sie darf? sie darf das so fügen? es grollt, als ob krieg wär, wahrscheinlich feiert sich jemand. der rollende reiter ist nicht zu verstehn, am teich vibrieren die kreise im kreis ihrer einfalt. “so war das”, sagt die grammatik. das heißt implizit: so ist es nicht mehr. ich will nur ein einziges mal ohne sie sprechen, denn ich, in meiner rattigen einfalt, wollte doch eben noch einiges mehr. “ist das nicht eher entlegen?”, fragt die grammatik. sie darf.

Daniel Falbs zweiter Gedichtband eminent politisch und poetisch in jedem einzelnen Gedicht, aufregende Lektüre:

Anja Utler hat es auch mit der Geschichte, aber sie verfolgt sie bis in den Einzellaut hinein. Auch den unbekanntesten, den Glottis. In diesem Ausschnitt ist er nicht einmal sichtbar:

nicht: frage ich wie: ist dir da, großmutter, und nicht
frag ich wie: war dir da wie ihr – wie du gemerk- h-s- i-–

was wolltst du, frag nicht, nur herz sagen lass mi-
wie aufgelassen
es geh-

gehn,n – dein,m gehnlassen muss ich jetzt d-rch d-
-i- dein strauch sprüchlein muss knüpf ich m-

noch einmal nach –

______________________

Leonhard Lorek: daneben liegen
Verbrecher Verlag 2009

Monika Rinck: Helle Verwirrung. Gedichte / Rincks Ding- und Tierleben.  Texte & Zeichnungen
Kookbooks 2009

Daniel Falb: Bancor. Gedichte
Kookbooks 2009

Anja Utler: jana, vermacht
Edition Korrespondenzen 2009

53. Dialog

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 12:55

… zwischen der Gruppe Tocotronic und Welt am Sonntag (10.1.):

Jan Müller: Es ist mannigfaltig und ein sehr soundorientiertes Album.

Welt am Sonntag: Was sind die Themen?

von Lowtzow: Ich kann auf solche Fragen nicht antworten. Man kann es ja hören und sehen.

Welt am Sonntag: Die Texte sind sehr assoziativ und lassen Raum für Interpretationen.

von Lowtzow: Ja, aber das ist ja nun schon seit fünf, sechs Alben so. Wenn es nicht schon immer so war.

Welt am Sonntag: Aber man möchte doch trotzdem gerne erfahren, worum es geht. Was bedeutet denn es zum Beispiel, wenn Sie in dem Titel “Bitte oszillieren Sie” “Bitte oszillieren Sie zwischen den Polen Bumms! Und Bi!” singen?

von Lowtzow: Also, ich kann auf solche Fragen nicht antworten, es tut mir leid.

Welt am Sonntag: Empfinden Sie sie als unangenehm?

von Lowtzow: Ich finde sie, ehrlich gesagt, doof.

Müller: Es ist ja keine Fremdsprache. Das ist ein deutscher Satz.

Welt am Sonntag: Okay.

von Lowtzow: Bumms und Bi heißt Bumms und Bi.

Welt am Sonntag: “Bumms” ist aber doppeldeutig.

von Lowtzow: Bumms. Krawumm. Peng eben. Und Bi heißt Bi. Bisexuell, bipolar …

Müller: …Bi-ne.

von Lowtzow: Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich kann als Texter nicht sagen, was etwas bedeutet. So arbeiten wir nicht.

Welt am Sonntag: Aber Tocotronic ist eine der wenigen deutschen Bands, die textlich zu ertragen ist …

von Lowtzow: Das ist doch schön.

52. Chinesische Lyrik auf Amerikanisch

Einsortiert unter: China, Englisch, USA — Schlagworte: , , , , , , — lyrikzeitung @ 11:24

… etwas außerordentlich Intimes von fast fotografischer Transparenz liegt in der Art, wie amerikanische Dichter des vergangenen Jahrhunderts über die alten Chinesen dachten. In der Einleitung seiner Übersetzung des Eremitendichters Han Shan aus der Tangzeit schreibt Gary Snyder, weil die Bilder von Kälte, Höhe, Einsamkeit, Berg unserer zeitgenössischen Erfahrung immer noch zugänglich seien, habe er mit der Sierra Nevada verbundene Bilder als “Analogie (‘Übersetzung’) der niedrigeren, nasseren, grüneren Berge Südchinas” benutzt. Mit anderen Worten, Snyder sieht sich, ohne es direkt zu sagen, als ein Han Shan des 20. Jahrhunderts, als ein Einsiedler in Gedanken an einen anderen.

Daß darin beträchtliche künstlerische und intellektuelle Hybris liegt, scheint kaum der Rede wert. Wir glauben zu wissen, was chinesische Lyrik ist, wie wir (in einem gewissen sozialen Milieu) wissen, was Zen und feng shui und das Taoteking sind. Einer der großen Vorteile eines solchen Zeitalters ist, daß hochgebildete Gelehrte wie David Hinton ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können, Gedichte neu zu übersetzen, die es bereits in zahlreichen englischen Fassungen gibt. Das Erscheinen seines Bandes Classical Chinese Poetry: An Anthology – der virtuosesten Sammlung von Übersetzungen für eine ganze Generation – ist auch Anlaß, zwei grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie kam es zu dieser wunderbaren Verwandtschaft? Und können wir es guten Herzens dabei belassen; können wir das Seil weiterreichen, ohne es zu zerreißen?

Die amerikanische Romanze mit der klassischen chinesischen Lyrik beginnt wie aus dem Nichts mit der von Ezra Pound redigierten Fassung von Ernest Fenollosas Essay “Das chinesischen Schriftzeichen als Medium der Poesie”. In Pounds Version präsentiert der Essay das chinesische Schriftzeichen als Ideogramm, als erkennbares Bild der Wortbedeutung. Diese  Übereinstimmung von Wort und Bild war für Pound am besten in dem Zeichen  信  sichtbar, welches “Glauben” oder “Vertrauen” bedeutet und aus den Elementen 人  “Mensch” und 言  “Wort” zusammengesetzt ist, also “ein Mensch, der zu seinem Wort steht”. Pounds Anrufung des Ideogramms als exakte Analogie zur imagistischen Poetik schuf einen Rahmen, wenn nicht den Rahmen für die amerikanische Lyrik nach den 1920er Jahren. Die Übersetzung chinesischer Lyrik bewegte sich weitgehend, wenn nicht ausschließlich in diesem Rahmen.

/ Jess Row, from The Threepenny Review, Winter 2010 (bei Poetry Daily)

  • Classical Chinese Poetry: An Anthology, edited and translated by David Hinton
  • The Chinese Written Character as a Medium for Poetry: A Critical Edition, Ezra Pound and Ernest Fenellosa; edited by Saussy, Stalling, and Klein

51. Ror Wolfs kurzzeitige, heftige Popularität

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 01:13

Ror Wolfs bisheriges Gesamtwerk umfasst mehr als zwanzig Bücher – von den großen Prosawerken “Die Gefährlichkeit der großen Ebene” und “Nachrichten aus der bewohnten Welt” über die balladeske und reimschöne Lyrik von “Hans Waldmanns Abenteuern” und “Pfeifers Reisen” bis hin zu den Kurzprosastücken, die an Hebels Kalendergeschichten erinnern – ein Vergleich, der Ror Wolf gut gefällt. Eckhard Henscheid hat im Falle Ror Wolfs von der Verwunderung dessen gesprochen, “der immer mal wieder vom Mond auf die Erde gefallen ist und nach ersten Worten sucht”. Und für die Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer ist Wolf sowieso “einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart”.

Und doch ist dieser bis heute immens produktive Schriftsteller kein Vielgelesener, auch wenn viele seiner Hörspiele regelmäßig gesendet werden. Das heißt, eine Seite gibt es im Wolf’schen Werk Wolf, über die man die Rubrik “Kurzzeitige, heftige Popularität” schreiben könnte: die Rede ist von seinen Texten über den Fußball – in Collagen, Hörspielen und Gedichten hat Wolf diesen Sport gewissermaßen als Fortsetzung der Wirklichkeit mit anderen Mitteln besungen. Derart zum Beispiel: “Ein Mann, kein Reißer und kein Eisenbeißer; / er spielte hinter Seeler Haller Held; / erschien wie Fantômas im Mittelfeld / und strahlte auf, man nannte ihn: den Kaiser.” / Hilmar Klute, SZ 2.1.

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