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Archiv für den Tag 20. Dezember 2009

Im Netz seit 1.1.2001

134. Literaturlegende Mayröcker wird 85

Zwischen Prosa und Lyrik bewegt sich das Werk der Literatin und Dichterin Friederike Mayröcker. Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Bühnentexte und Experimentelles zählen zu ihrem Schaffen. Heute feiert sie ihren 85. Geburtstag.

“Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben”, so Mayröcker. Die österreichische Poetin schuf mit nahezu 100 Publikationen ein umfangreiches und eigenwilliges Werk.

Am Sonntag wird sie 85 Jahre, denkt aber noch lange nicht ans Aufhören: “nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens nur nicht enden / ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen”, heißt es etwa in einem im März dieses Jahres erschienen Gedichtband.

Seit über 50 Jahren erscheinen in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände von Mayröcker. Ihre nächste Prosaarbeit “ich bin in der Anstalt. Fußnoten zu einem nichtgeschriebenen Werk” kommt im Mai heraus. / ORF

Mehr:  Mayröcker ist 85: “Ich lebe nur in Sprache” (ORF) / Ich bin eine Bettlerin des Wortes” (ORF) / Die Promi-Geburtstage vom 20. Dezember 2009: Friederike Mayröcker (Trierischer Volksfreund) /

133. Lyrikstationen 2009 (11)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

11

Endpunkt ·
Letzte Gedichte / Lebende Tote

Das Wiedersehen

Von fern gleicht er noch einem, den man kannte,
das weiße Haar, wie Kohle, die verbrannte,
wie Asche, noch warm von erloschenen Feuern,
was nützt es, einem Toten zu beteuern,
daß er noch lebe, er weiß es besser,
er hat den Fuß bereits erhoben
zum Schritt in eine unermeßliche Tiefe
und schaut noch einmal dankbar nach oben
und wendet sich ab, als ob jemand ihn riefe.

Hans Sahl

Wie wohl wäre es 2009 im Lyrikbetrieb des deutschen Sprachraums zugegangen, hätten Ro­bert Gernhardt (1937–2006), Thomas Kling (1957–2005) und Ernst Jandl (1925–2000) nicht in den Jahren seit 2000 die Stifte für immer aus der Hand gelegt? Wenn man bedenkt, wie wenig Platz der Lyrik in den Print-Medien des Feuilletons grund­sätzlich bloß eingeräumt wird, gehörten diese drei Dichter zu den poetischen Platz­hirschen, denen immer wieder mehrspaltige Artikel eingeräumt wur­den, die pha­sen­weise in den Kulturhimmel gehoben wurden, zählen doch alle drei zu den Men­schen in der Lyrik, die, jeder auf seine extrem eigenwillige Weise, sowohl origi­nelle Ge­dichte schrieben als auch mit ihrer bemerkenswerten Art publikumswirk­sa­mes Auf­sehen erregten. Durchaus denkbar also, daß die Zeitungsspalten auch in den letzten Jahren in erster Linie von diesen Herren besetzt geblieben wären. Der arglo­sen Öf­fentlichkeit wäre womöglich ein völlig anderes Bild vermittelt wor­den. Welchen Einfluß hätte das möglicherweise auf die Lyrik, die Verlagsprogramme, den Lyrikbe­trieb von heute gehabt, in dem so mancher Sturm im Wasserglas den einen oder anderen in den 1950er und 60er Jahren geborenen Dichter von den Beinen ge­holt hat.

Thomas Kunst hebt im Nachwort von Estemaga zur Totenklage an: Hilbig ist tot. Born ist tot. Brinkmann ist tot. Brasch ist tot. Kling ist tot. Pastior ist tot. Kunst be­nennt sechs Namen, die unmittelbar eine Stimmung evozieren, wie sie intensiver nicht sein könnte. Goethes Gedicht Gefunden fällt mir spontan als Antwort ein: Und pflanzt es wieder / Am stillen Ort. / Nun zweigt es immer / Und blüht so fort. Denn, nein, sie sind ja nicht tot, nicht nur zweigen und blühen sie mit ihren Gedichten in den Versen der Nachgeborenen fort, sondern bleiben, indem ich in ihren Büchern lese, total nahe bei mir: Ich verspüre in diesem Augenblick die greifbare Gegenwart dieser le­benden To­ten, die Stimmen erklingen, diesmal gemeinsam mit Bessie Smith, quasi quadrophon aus allen Ecken vernehme ich sie, die Stimmen, Stimmen, Stimmen, Stimmen, ich stehe auf, blättere – Und nichts zu suchen / Das war mein Sinn – und vertiefe mich in den Büchern von Wolfgang Hilbig, Bilder vom Erzählen · Nicolas Born, Gedichte · Rolf Dieter Brinkmann, West­wärts 1 & 2 · Thomas Brasch, Der schöne 27. Septem­ber · Thomas Kling, wände machn · Oskar Pastior, durch – und zurück.

2009 erinnern Verlage mit lauter schönen Editionen an Horst Bingel (1933–2008), Bertolt Brecht (1898–1956), Carlfriedrich Claus (1930–1998), Hilde Domin (1909–2006), Robert Gernhardt (1937–2006), Michael Hamburger (1924–2007), Gerard Manley Hopkins (1844–1889), Walter Kempowski (1929–2007), Pablo Neruda (1904–1973), Peter Rühmkorf (1929–2008), Hans Sahl (1902–1993) und John Up­dike (1932–2009):

  • Horst Bingel, Den Schnee besteuern
  • Bertolt Brecht, Liebesgedichte
  • Carlfriedrich Claus (TEXT+KRITIK 184)
  • Hilde Domin, Sämtliche Gedichte
  • Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte 1954 – 2006
  • Michael Hamburger, Letzte Gedichte zweisprachige Ausgabe
  • Gerard Manley Hopkins, Geliebtes Kind der Sprache zweisprachige Ausgabe
  • Gerard Manley Hopkins, Auf dem Rückflug zur Erde zweisprachige Ausgabe
  • Walter Kempowski, Langmut
  • Pablo Neruda, 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung
  • Peter Rühmkorf, Jazz & Lyrik.
  • Hans Sahl, Die Gedichte
  • John Updike, Endpunkt und andere Gedichte

132. (Früher ostdeutsche) Kunstwelten

„Ich fand das gleich ’ne Superidee, dass sich die Akademie der Künste mal aus ihren zwei elitären Tempeln rausbewegt,“ sagt Ulrich Matthes. …

Das Projekt, das Staeck 2006 ins Leben rief, heißt „Kunstwelten“. Eine gute Sache: Stipendiaten und Mitglieder der Institution reisen in ländliche, bisher ostdeutsche Gegenden, um dort mit Schülern Filme zu entwickeln, Gedichte zu schreiben, Theateraufführungen zu stemmen. Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann befürwortet vor allem, dass dabei die „klebrige, ausgedürrte Sprache“ vieler Jugendlicher trainiert wird. Kostproben gibt’s zuhauf: Im Foyer der Akademie der Künste am Pariser Platz hängt seitenweise Teenie-Poesie. In einem Dokumentarfilm erzählen Jugendliche vom Alltag in einer Vorstadt von Bitterfeld. Und ein Vierminüter zeigt die zauberhaft animierten Gedanken einer vierten Klasse: Da hagelt es Prinzessinnen, Monster und Geburtstage. „Natürlich verabreichen wir homöopathische Dosen“, sagt Matthes, der selbst schon Kunstprojekte leitete. „Aber wenn wir zwei Minuten Selbstbewusstsein vermitteln, lohnt sich das Ganze schon.“  / Annabelle Seubert, Tagesspiegel

NB: Vermutlich liest man in Akademieberlin keine (ostdeutschen) Regionalzeitungen wie Nordkurier. Sonst hätte man mehrfach von der Arbeit der (garnicht akademischen) Künstlerin und Autorin Angelika Janz mit Kindern im östlichsten Rand Mecklenburg-Vorpommerns lesen können…

Vgl. L&Poe

2009 Dez 119. Nahsehen in Vorpommern

2009 Nov 117. Der Pasewalker Stadtdetektiv

2009 Nov 79. Poesiefrühstück: Angelika Janz

2009 Mrz 106. Zum Welttag der Poesie

2008 Okt 78. Im Landkreis wird die Kultur abgewickelt

2008 Okt 4. Deutscher Lokaler Nachhaltigkeitspreis 2008 – Zeitzeiche(N) an Angelika Janz

131. Lyrikstationen 2009 (10)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

10

Nicht traurig sein, das wird ein Fest

Sandra Trojan und ihr Debütband Um uns arm zu machen

Das Gedicht ist vor Ort. Es vermisst die Welt und zeigt, wie maßlos und unermesslich sie ist. Das Ge­dicht ist überall, im Irrenhaus, am Krankenbett, auf dem Klo, im Wartezimmer des Arztes, im Cent­ral Park, unter Strommasten, auf dem Pferderü­cken, in den unterschiedlichsten Landschaften.

Jürgen Brôcan

Was stört mich das Geschwätz von gestern, wenn Postbote Guido Büchersendungen bringt, die ich gar nicht schnell genug öffnen kann vor lauter Kitzel und Neugierde, In­teresse und Ungeduld. Umgehend verblassen beim Öffnen der Päckchen und Pa­kete diese schnell hingeworfenen, zumeist für den Moment geschriebenen Posts, Kom­men­tare, Leserbriefe und sonstigen Reaktionen, die wir Tag für Tag im Internet und an­derswo lesen. Wie groß aber ist die (zum Glück in diesen Jahren eher selten eintre­tende) Enttäuschung, wenn ich ein Buch aufschlage, den ersten Text lese, die Mund­winkel sich unmerklich nach unten verziehen und ich, fast verstört schon, den zweiten Text lese, den dritten, den vierten, den fünften – und nichts passiert, das heißt, nicht nichts (denn nichts gibt es ja gar nicht), aber nicht das, was ich mir – na­turge­mäß – jedes Mal erhoffe, wenn ich ein Buch, das Gedichte auf dem Titel ver­spricht, zu lesen.

Kürzlich gab es eine solche Enttäuschung bei einem 2008 erschienenen Band eines schon ein wenig in die Jahre gekomme­nen Autors, der weiter­hin recht viel schreibt und weiterhin relativ erfolgreich zu sein scheint, was die Auflagenzahlen seiner Bü­cher angeht. Im Begleitschreiben des Buches ist von fast tausend in wenigen Mona­ten unter die Leute gebrach­ten Exempla­ren die Rede, eine mich ziemlich verblüf­fende Zahl, denn insgesamt scheint es nach 2000 im Vergleich zu den 90er oder gar 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer schwieriger zu werden, auch her­ausra­gende Ge­dichtbücher an die Frau oder den Mann zu brin­gen. Das lyrische In­ternet, dessen gute Seiten ich sehr schätze, scheint mehr und mehr zur fast über­mächtigen Konkur­renz fürs Gedichtbuch und das In­teresse am Erwerb von Büchern, belohnt mit dem sinn­lichen Genuß des Blickens, Blätterns, Fühlens, Spürens, am Aufbau einer Sammlung immer geringer zu werden.

Ich las und las und las und dachte, was ich immer denke, wenn bedruckte Seiten nicht so bei mir ankom­men, wie ich es dem Autor, dem Buch und mir als Leser wün­sche: Okay, offensichtlich ist das größte anzunehmende Lyrikunheil eingetreten, du bist au­genscheinlich übersät­tigt, offenbar prallen die Gedichte ab heute von dir ab, du hast anscheinend mehr als genug Gedichte gelesen, das kommt dir alles nur noch als zweiter oder dritter Auf­guß vor usw. usw. usw., denn ich empfand nichts als Lan­ge­weile und Desinteresse, und so las ich zwar (wie meistens bei solchen Bü­chern ver­geblich auf Besserung hoffend) viel zu viele Seiten, brach aber ir­gendwann gegen Ende des Bandes den Kopf schüttelnd und vor mich hin brummelnd ab.

Mißmutig verlebte ich den Rest des Tages und dachte kummervoll an eine lyriklose Zukunft: Und schrieb, und schrieb an weißer Wand / Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Ich saß da mit schlotternden Knien und totenblaß. Aus und vor­bei. Ich sah in den Garten auf die blattlosen Bäume mit ihren feuchten schwarzen Stämmen und den labyrinthischen Astgerippen, in denen die Vögelein schwiegen. Wie soll dat bloß wiggerjonn? singen die Bläck Föös, und ich begriff erstmals die ele­gisch klingende Frage, die ich seit Jahr­zehnten schon kenne und so oft schon ge­dankenlos mitgesummt habe. Das war’s dann wohl. Mund abputzen und weiterma­chen, wie der ehemalige Manager Rainer Calmund nach Niederlagen seiner Lever­kusener Werks­truppe gebetsmühlenartig posaunte? Hallo?

Am nächsten Tag dann die Büchersendung vom Poetenladen mit der sechsten Aus­gabe der Literaturzeitschrift poet – in der ich in zum Teil hochinteressanten Gesprä­chen mit Friederike Mayröcker (bei jeder Gelegenheit wiederhole ich es gern: ein lyri­scher Liebling), Dagmar Nick, Giwi Margwelaschwili, Reiner Kunze, Urs Widmer und Ger­hard Zwerenz mit eigenen Augen lese, daß diese Autoren quasi nix mitkrie­gen von der Power des ständig über die Ufer tretenden Lyrikstroms, der in diesen 2000er Jah­ren – gleichsam wildgeworden – durch deutsche Städte und Provinzen rauscht. Tief­punkt einiger zum Teil un/freiwillig drollig klingender Aussagen: Und ich muß auch geste­hen, daß ich mit vielen jüngeren Stimmen, wenn ich sie in Zeit­schriften finde, nichts anfangen kann – daß ich sie einfach nicht verstehe oder über­flüssig finde (Dagmar Nick) – sowie, und jetzt kommt’s, endlich, endlich, Sandra Trojans Gedicht­band Um uns arm zu machen.

Wenn ich in Bienen spreche
meine ich Unschärfe, Murmeln
Nektar am Mund. Und wenn ich in
Birnen spreche, in Äpfeln, in Zellen
in Kisten, von Zungen zerfressen
in Zungen, in Menschen, meine ich
Menschen:Schwärme gestempelt
innen & außen, ein Bienentanz
und damit meine ich: Bienentanz

Gleich vom ersten Gedicht Wenn ich in Bienen spreche werde ich hellwach ge­summt. Jedwedes dräuende Hirn­gespinst hat sich im Nu in Nichts aufgelöst. Ich schwebe durch den Funkenflug der Wörter, beginne umgehend im Rhythmus der Verse zu at­men und bin ebenso beglückt und begeistert, wie es Mi­chael Gratz, Her­ausgeber der Lyrikzeitung, nach der Lektüre dieses die Le­ser reich machen­den Ly­rikbands in der Nachricht 58 vom 12. März 2009 – Frisch aus der Post – be­schreibt.

Während ich in diesen Tagen in Jörg Bernigs wüten gegen die stunden und Björn Kuhligks Von der Oberfläche der Erde unter den vielen Gedichten einzelne (sehr) starke Stücke finde, deren Duktus im Ge­dächtnis haften blei­bt, besticht in Sandra Tro­jans Buch die Ge­schlossenheit des durchgängig beseel­ten, schwingen­den, viel­fälti­gen Ganzen, des­sen energisch auf­tretende Teile weitest­gehend zu einer Wortge­stalt ver­schmelzen, die ich gnadenlos meiner Lyrik­seele einverleibe.

Sandra Trojan hat früh gefunden, was manche frei­lich oft vergeblich beim Schreiben aufzuspüren su­chen: Stil (Wenn er da ist, ist es gut, Norbert Hummelt), dynamisch erwachsen aus vielen einfach guten, resonan­ten Wörtern, deren Lebenssaft mir die Lefzen herunter­läuft: Und wollene Moose spannen straff. Diesem herrlich geglückten Gedichtbuch wünsche ich tausend Le­ser – und noch 354 mehr.

  • Jörg Bernig, wüten gegen die stunden
  • Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.), Umkreisungen. 25 Auskünfte zum Gedicht
  • Andreas Heidtmann (Hg.), poet
  • Norbert Hummelt und Klaus Siblewski, Wie Gedichte entstehen
  • Björn Kuhligk, Von der Oberfläche der Erde
  • Sandra Trojan   Um uns arm zu machen

130. Fest für Herta Müller

Die Gefeierte selbst, ernst wie immer, trug aus hintergründigen Textcollagen vor und erinnerte daran, dass an diesem Tag vor zwanzig Jahren 1700 Menschen bei einem Aufstand in der rumänischen Stadt Temeswar getötet wurden. „Für diese Toten“ las sie, den Tränen nah, ein Gedicht auf Rumänisch. Es war der bewegendste Moment einer Feier für eine Dichterin, die – das zeigte Herta Müllers scheue Verbeugung beim Schlussapplaus der stehenden Zuschauer – sich nicht gern feiern lässt. / Andreas Schäfer, Tagesspiegel 20.12.

129. In Schenks Berlin

Johannes Schenk, rundes Gesicht, verträumte Augen und meist ein Lächeln um die Lippen, war einer von ihnen und dann auch wieder nicht, denn seine Welt war die der Seefahrer. “Die Schiffe, das Meer und die Häfen am Rande haben mir die Bilder geschenkt, die ich beim Schreiben brauche. Es sind manchmal etwas nasse Metaphern, aber ich nehme es hin. Hab sie ja erfahren”, schreibt er in seiner Gedichtsammlung “Überseekoffer”. Das Buch verlegte er 2000 im Eigenverlag, doch die Figuren seiner farbenfrohen und tatsächlich etwas arg durchnässten Gedichte scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen: Piraten und Zirkusakrobaten tummeln sich in den balladenartigen Gedichten, vor allem aber Matrosen, Kapitäne und schöne Frauen, die in den fremden Häfen auf Seefahrer warten. Schenks Sehnsucht glich damit nicht der seiner Generation, die lieber als herumschweifende Haschrebellen Goa, Kathmandu oder Afghanistan anpeilten. Sie schien vielmehr aus einer Zeit zu stammen, als die weißen Flecken auf der Landkarte noch zahlreich waren. …

In Schenks Berlin begnügte man sich dagegen nicht mit Träumen: In Kreuzberg wehrten sich die Bewohner in den siebziger Jahren heftig gegen das Vorhaben, eine Autobahn quer durch ihr Viertel zu legen, bald darauf gab es die ersten Krawalle am 1. Mai. Dem friedlichen Schriftsteller, der in den sechziger Jahren seine ersten Gedichtbände “Bilanzen und Ziegenkäse” und “Zwiebeln und Präsidenten” veröffentlichte, war das zu gewalttätig. “Er war nicht politisch, er wollte die Welt nur ein wenig schöner machen”, sagt Natascha Ungeheuer und erzählt vom Schenkschen Sonntagscafé, das er 1986 sieben Jahre lang in einer alten Fabrik in Kreuzberg betrieb. Schriftstellerfreunde wie Kurt Mühlenhaupt oder Jurek Becker lasen dort, der Maler A.R. Penck trat mit seiner Penck Band auf und immer wieder der Hausherr selbst. “Johannes war eine Lokomotive beim Lesen, er hat die Leute warm gelesen”, sagt Ungeheuer und springt auf, um einen alten Radiomitschnitt vorzuspielen. Schenks Stimme hat darin zwar nichts von einer Maschine, dafür fließt sie dunkel und samten wie ein Fluss durch das Erzählgedicht. Die klassischen Regeln der Dichtung sind Schenk dabei egal, auch haben seine Verse wenig mit moderner Lyrik gemeinsam, der Verfasser erlaubt sich vielmehr einen sehr persönlichen Stil: “Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke”, schreibt er einmal. Wer das nicht mag, wird mit den Schenk”schen Versen nichts anfangen können.

Das wahre Leben war weniger nahrhaft, die eigenen Gedichte und Romane zu verlegen wurde für das P.E.N.-Mitglied im Zeitalter “der Maschinerie aus Quarz”, wie er den Computer abfällig nannte, immer schwieriger. Die letzten Bücher erschienen nur im Eigenverlag. / LAURA WEISSMÜLLER, SZ 11.12.

JOHANNES SCHENK: Die Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 3 Bände, 1386 Seiten, 59,90 Euro. Der Roman Jo Schattig ist ebenfalls im Wallstein Verlag erschienen, 220 Seiten, 19,90 Euro.


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