Lyrikzeitung & Poetry News

31. Dezember 2009

189. In Memoriam: Ruth Lilly, 1915-2009

Einsortiert unter: Englisch, USA — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 22:53

The staff and trustees of the Poetry Foundation are greatly saddened by Ms. Lilly’s death and honor her extraordinary legacy.

CHICAGO—The Poetry Foundation is grateful for Ruth Lilly’s extraordinary generosity and kindness. The staff and trustees of the Poetry Foundation are greatly saddened by Ms. Lilly’s death and extend their condolences to her family. Thanks to Ms. Lilly’s munificence, the programs of the Poetry Foundation bring poems to 19 million Americans who would not otherwise read or hear them. From the annual $100,000 Ruth Lilly Poetry Prize honoring a contemporary poet’s lifetime accomplishment, to five Ruth Lilly Poetry Fellowships that go to aspiring poets, to ensuring Poetry magazine continues publishing in perpetuity, to a host of new programs and prizes established by the Poetry Foundation since receiving the bequest, Ruth Lilly’s legacy will allow millions of readers to discover the great magic of poetry for generations to come.

“Poetry has no greater friend than Ruth Lilly,” said Poetry Foundation John Barr. “Her historic gift is notable not only for its size—that part of her largesse is known to every corner of the poetry world—but also because it was made with no conditions or restrictions of any kind as to how it should be used for the benefit of poetry. In that, it was the purest expression of her love for the art that meant so much to her as poet herself, and as benefactor.”

The Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine and one of the largest literary organizations in the world, exists to discover and celebrate the best poetry and to place it before the largest possible audience. The Poetry Foundation seeks to be a leader in shaping a receptive climate for poetry by developing new audiences, creating new avenues for delivery, and encouraging new kinds of poetry through innovative literary prizes and programs.

For more information, please visit www.poetryfoundation.org.

188. Ruth Lilly gestorben

Einsortiert unter: Englisch, USA — Schlagworte: , , , , , — lyrikzeitung @ 19:13

Ruth Lilly, a noted philanthropist and last surviving great-grandchild of pharmaceutical magnate Eli Lilly, died Wednesday night at 94, a family spokesman said Thursday morning.

Over the course of her life, Lilly gave away the bulk of her inheritance, an estimated $800 million.

Yet to many, she was just a name on a building — a library, a hospital wing, a theater, museum exhibits. Lilly, who lived reclusively, was perhaps the most famous person few people ever saw.

Ensconced behind the brick walls of her mansion — attended by a staff of nearly 50 people — Lilly ventured out only occasionally. She sometimes visited organizations she’d funded, but more often she’d order her driver not to stop and be content with a quick glance.

She gave to a wide variety of causes — colleges, hospitals, the National Easter Seals Society. But it was her unexpected donation of $100 million in 2002 to an obscure, Chicago-based poetry association that revealed something deeply personal: Lilly was a poet at heart. Not only did she read it, she wrote it, though to little acclaim.

The unusual gift sustains Garrison Keillor‘s daily radio poetry readings on “The Writer’s Almanac,” sponsors a poetry professorship at Indiana University and honors top poets with prestigious annual awards.

“Poetry has no greater friend than Ruth Lilly,” said John Barr, president of the Poetry Foundation, which received the whopping grant.

/ USA Today (By Will Higgins and Robert King, The Indianapolis Star)

187. Herrschergrab gefunden

Einsortiert unter: China — Schlagworte: , , , , , — lyrikzeitung @ 15:39

Das Grab von Cao Cao, einem bekannten Kriegsherrn und Politiker aus dem dritten Jahrhundert, wurde in der Stadt Anyang in der zentralchinesischen Provinz Henan ausgegraben, sagten Archäologen am Sonntag.

Cao Cao (155-220 n. Chr.), der den stärksten und wohlhabendsten Staat zur Zeit der Drei Königreiche (208-280 n. Chr.) errichtet hatte, ist für seine hervorragenden militärischen und politischen Fähigkeiten bekannt. Ebenfalls wird er für seine Gedichte gewürdigt, die seine starke Persönlichkeit reflektieren. Einige von ihnen sind noch heute in den Lehrbüchern der Mittelschule enthalten. / china.org.cn 29.12.

Ein Gedicht über die Sterblichkeit der Schildkröte, die Erinnerung an blutige Schlachten, Berichte über Intrigen am Hof des letzten Han-Kaisers, Gesetze zur Agrarpolitik und über Wehrbauern-Siedlungen, die Gründung eines Reichs. Cao Cao hat viele Spuren gelegt, nicht zuletzt im populären Theater, im 700 Jahre alten Volksroman “Die Geschichte der Drei Reiche”, im Film und im Fernsehen. Das hat ihm vor vier Jahren eine 84 Folgen lange Serie gewidmet. / Karl Grobe, FR 30.12.

Mehr: Spiegel-Bericht mit 6 Fotos

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Cao Cao (Tsau Tsau) war eine schillernde Gestalt. Erst Bandenführer, dann Kriegsherr, versuchte er die verfallende Han-Dynastie zu retten. Als Herrscher, zuletzt nur noch von Nordchina, förderte er die Kunst und war selber ein bedeutender Dichter. Sein Sohn Tsau Pi begründete die Wei-Dynastie der Drei Königreiche und ernannte seinen Vater postum zum Kaiser Wu von We (Wei). Tsau Tsau schrieb diesen “Grabgesang für das Haus Han”:

Zwanzig Herrscher nun haben vom Hause der Han regiert.
Und niemals noch warn seine Vertrauten so schlecht!
Geleckte Affen in Kappe und Gürtel,
Klein ihr Gehirn, gigantisch ihr Prahlen!

Zauderer sie, ohne Mut zu entscheidender Tat,
Bis wie ein Wild auf der Jagd ward gefangen ihr Kaiser.
Ein weißer Regenbogen hatte die Sonne durchbohrt,
Auch schon vorher empfingen sie warnende Zeichen.

Ein Räuber griff nach den Zügeln des Reiches,
Erschlug seinen Fürsten, zerstörte die Hauptstadt.
Frevelnd stürzt er den Thronsitz des Kaisers,
Und der Tempel der Ahnen ging in Flammen zugrund.

Verbannt und vertrieben, – aus der Hauptstadt nach Westen,
Weinen und Schreie, – so zog die Kolonne dahin.
In Ehrfurcht schau ich die Wälle der toten Stadt,
Aus wehem Herzen erheb ich die Klage.

Deutsch von Peter Olbricht, aus: Lyrik des Ostens: China. dtv 1962. (Hanser 1958) S. 45f.

Meine Anthologie: Garstig

186. Pferde-Lyrik

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 14:03

“Nathan Who?“, fragen die Kritiker, als Nathan Niedlich bei der Verleihung des renommierten Italo-Svevo-Preises die Bühne betritt. „Nie gehört“, sagen kopfschüttelnd auch die geladenen Lektoren und warten auf die literarische Prominenz des Abends. Niedlich, Autor von acht Romanen, Bachmann-Preisträger und Villa-Massimo-Stipendiat, ist solche Demütigungen gewohnt. Seit Jahren schreibt er nur noch für die Schublade, die Absagen der Verlage füllen mehrere Ordner. Aber er ist nicht der Einzige, den unvorhersehbare Strömungswechsel im Literaturbetrieb an den Rand der Bedeutungslosigkeit getrieben haben. Für Nathan Niedlich, kurz N. N., ließen sich viele Namen einsetzen, vor allem aber der von Wolfgang Hegewald, dem Autor des Romans, dem die genannte Episode entstammt.

Wolfgang Who? Der 1952 in Dresden geborene Hegewald veröffentlichte in den achtziger Jahren nach seiner Ausreise aus der DDR einige hochgelobte Romane in renommierten Verlagen, erhielt den Bachmann-Preis und das begehrte Rom-Stipendium. Und doch blieben seine Bücher das, was Hegewald heute selbstironisch „Rezensionserfolge“ nennt. Nach zwölf Jahren der verlegerischen Obdachlosigkeit hat er nun bei Matthes & Seitz ein neues Zuhause gefunden und schießt mit „Fegefeuernachmittag“ einen mit Ironie und Sprachwitz gespickten Pfeil in den literarischen Betrieb ab. …

Es ist ein gelungenes Versteckspiel mit einigen illustren Figuren der deutschen literarischen Szene, das zu entschlüsseln auch für Außenstehende eine Freude ist. Köstlich, wie etwa aus Sigrid Löffler Edda Gabler wird, die weichhändige Großkritikerin, deren Gedankengänge zuweilen nur in den ruckhaften Bewegungen ihres germanisch-blonden Haarhelms nachzuvollziehen sind. Großartig auch, wie pointiert Hegewald immer wieder die Absurditäten des Betriebs aufspießt. Etwa in der Szene, in der ein „renommierter Novellist“ während eines deutsch-deutschen Dichtertreffens auf einer Ostsee-Fähre mit sofortiger Abreise droht, weil ebenso eine gewisse Ellen Butt-Prömse an Bord ist, die einst mit „Pferde-Lyrik“ in Deutschland weltberühmt geworden sei und neuerdings florale Metaphern bevorzuge. Hegewalds Alter Ego N. N. entgegnet, es mache sich doch nur lächerlich, wer auf offener See mit vorzeitiger Abreise drohe, was wiederum ein bezeichnendes Licht auf den Realitätssinn des vielgerühmten Erzählers werfe. / Sarah Elsing, FAZ 30.12.

185. Poesie zum Ökumenischen Kirchentag

Einsortiert unter: Österreich, Deutsch, Deutschland, Polen, Schweiz — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 03:22

Zum ökumenischen Kirchentag in München 2010 plant der Lyriker und Verleger Anton G. Leitner die Aktion “Ein Tag, ein Gedicht”. Ab dem 1. Januar soll im Internet jeden Tag ein Gedicht veröffentlicht werden. Bis zum Abschluss des Kirchentages Mitte Mai soll so eine Sammlung mit über hundert lyrischen Texten entstehen. An der Aktion beteiligen sich Autoren aus Deutschland, Österreich, Polen und der Schweiz. Der zweite Ökumenische Kirchentag in München wird am 12. Mai eröffnet. Die Adresse lautet www.oekt.de. / kuvi.de

30. Dezember 2009

184. Gerd Gaiser

Der thematische Schwerpunkt des Jahresbandes aber ist dem Leben und Werk des Reutlinger Schriftstellers Gerd Gaiser gewidmet, der im Jahr 2008 100 Jahre alt geworden wäre. Gaiser zählte zu den profiliertesten deutschen Autoren der frühen Nachkriegszeit, war aber wegen seiner im Nationalsozialismus veröffentlichten Propaganda-Lyrik (unter anderem: „Reiter am Himmel“) heftig umstritten. Bekannt wurde Gaiser, der als Lehrer am Reutlinger Friedrich-List-Gymnasium und später als Professor an der Pädagogischen Hochschule tätig war, mit seinem 1958 im „Hanser“-Verlag veröffentlichten Roman „Schlussball“. Nachdem Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki Gaisers in der NS-Zeit publizierten national-verklärten Gedichte und Prosatexte in den Mittelpunkt ihrer Kritik rückten und ihm seine schriftstellerischen Fähigkeiten pauschal absprachen, geriet der Schriftsteller rasch wieder in Vergessenheit. „Zum Glück“, wie Reich-Ranicki auch 2001 in einem „Spiegel“-Interview noch sagte.

Zu Unrecht, wie der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger findet, der anlässlich Gaisers 100. Geburtstags in Reutlingen und in Oberriexingen, dem Geburtsort Gaisers, zwei Festvorträge hielt. Beide („Gerd Gaiser – Erinnerung an die Kindheit“ und „Eine sterbende Welt, die nach Dauer klagte“) wurden nun in die „Reutlinger Geschichtsblätter 2008“ aufgenommen. Ergänzt werden Bausingers Texte durch einen mit Literatur-Auszügen angereicherten Vortrag von Gaisers ehemaligem PH-Kollegen Theodor Karst und einem kurzen Essay des Schweizer Germanisten Bernhard Vögtlin. Wie Bausinger würdigen Karst und Vögtlin Gaisers Werk kritisch. Dies brauche keine Schonung, verdiene es aber, verstanden zu werden, schreibt Vögtlin. Er schließt seine Betrachtungen mit den Worten: „Ohne Gaiser ist eine deutsche Literaturgeschichte nicht zu schreiben.“ / Schwäbische Nachrichten 30.12.

Reutlinger Geschichtsblätter Neue Folge, Nr. 47 (2008). Herausgegeben von Stadtarchiv und Reutlinger Geschichtsverein. 304 Seiten, 123 Abbildungen, davon 48 in Farbe, 24 Euro.

“National-verklärte Gedichte”? Ein paar die schwäbische Heimatforschung ergänzende Bemerkungen sind angebracht. Von “Reichslyrik” sprach Peter Bekes (Kritisches Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur). Das klingt ein bißchen nach Walter von der Vogelweide & Co. Das “Neue Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur naach 1945″ spricht schon genauer von “Gedichten mit nationalsozialistischer Tendenz”. Franz Lennartz’ Handbuch „Deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit“, 4. Ausgabe 1941 (damals noch “Die Dichter unserer Zeit”), fehlt er – in diesem Jahr erschien Gaisers Erstling, der Gedichtband “Reiter im Himmel”, ja gerade erst – kennt das Buch noch nicht. Es ist Gaisers einziger Gedichtband. Der neurechte Kulturwart Götz Kubitschek, der auch ein ein ausgemachter Lyrikfreund ist und in seiner Kolumne “nationale” Gedichte von Joachim Fernau, Stefan George, Hölderlin, Benn, Trakl, Enzensberger und anderen vorstellt (in: Sezession im Netz) verleugnet das Buch schlicht, wenn er in seinem Autorenportrait Gerd Gaiser (Sezession 25 · August 2008) wider besseres Wissen behauptet:

Gaiser war also schon vierzig Jahre alt, als er mit Zwischenland debütierte…

Der Erzählungsband “Zwischenland” erschien 1949 bei Hanser. Natürlich kennt er das Buch von 1941 sehr wohl oder weiß zumindest von seiner Existenz, denn später im gleichen Text schreibt er darüber:

Gaiser selbst war 1933 dem NS-Lehrerbund und 1937 der NSDAP beigetreten, und zwar nicht, weil er sich einen Karrieresprung versprochen hatte, sondern weil er überzeugt davon war, damit die richtige Politik zu unterstützen. Beleg dafür ist der einzige Gedichtband, den Gaiser veröffentlichte: Reiter am Himmel (1941) versammelt expressive Verse, die dem Führer Gefolgschaft und Wehrbereitschaft gegen den Feind aus dem Osten signalisieren. Curt Hohoff hat „Gaisers Reichslyrik“ treffend als ein „von Nietzsche inauguriertes Kokettieren mit der Gewalt“ bezeichnet: „Das Hitlersche Regime konnte von solchen Idealisten für eine Möglichkeit der politischen Erfüllung gehalten werden. Wie schnell verflog sie für Gaiser!“

Wie schnell verflog? In der Tat: 1941 bejubelt er den Führer, im Jahrzehnt darauf verflucht er ihn. Das heißt, er datiert die Verfluchung zurück. In dem Roman “Die sterbende Jagd” läßt er einen Nazi-Obersten über den größten “ihn” aller Zeiten so denken:

Ich hasse ihn. Ich hasse ihn wie die Pest.
Gott hat ihn uns geschickt, dachte er, und er muß uns verderben. Ich verstehe das und verstehe es nicht. Aber ich kann nicht austreten und kann es nicht wenden.
Nemo contra Deum nisi Deus ipse.

Dieser Oberst ist Chef einer Staffel der Nazi-Luftwaffe – ein “Reiter am Himmel”, wie der Dichter das poetisch nennt. Expressive Gedichte, sagt Kubitschek. Jedenfalls fehlen die “festen Reime”, die in der Szene als Ausweis nationaler & genialer Lyrik gelten. Kubitschek ist belesener als die Barden und pflegt einen besseren Geschmack, er mag Benn und Trakl, aber “expressiv”? Die Verse plätschern so dahin, nur von Pathos und etwas Bildungskitsch zusammengehalten.

Ich zitiere ausführlich Reinhold Grimm, der den Roman und zwei Gedichte des Bandes genauer ansieht, als es Entschuldiger und Verklärer taten. Hier der vollständige Text von Gaisers Gedicht “Der Führer” mit Grimms Kritik:

Ich zitiere dieses jämmerliche Machwerk, diesen Hymnus auf den angeblich so Gehaßten, zur Gänze:

Da wir aufbrachen, sahn uns die Alten nach.
Hinter dämmrigen Scheiben
Stießen sie, ihrer Jugend erinnert, sich an.
Ihnen dünkt geringer die unsrige,
Weil wir keine Kränze auf Vorschuß nahmen, weil wir
Gar nicht jubelten,
Und vom Siege nicht redeten.

Wir sparten die Antwort.
Schräg, aus den Augenwinkeln, blickten wir her.
Kein Wort ist uns Siegen,
Sondern Lebens oder Sterbens Entscheid.

Wie denn im Felde
Selten jene die besten Soldaten sind,
Denen nie auf der Zunge der flinke Ausruf stockt,
Die mit eiligen Augen
Ihre flache Wachheit ewig zu Scherzen trägt,
Sondern die Schweigsamen,
Die im Stehen schlafen, wenn keiner sie nötig hat,
In der Not aber kommt in sie keine Müdigkeit.
Keiner sah sie je gähnen, sah sie nach Essen
Fluchen oder um Wasser die Hälse drehen.
Kein Wort kommt über ihre Lippen in der Gefangenschaft,
Schweigend stürben sie, eh sie den Wind verrieten
Oder den gestrigen Schnee. Und
So auch schuf uns die Not.
Wir lernten
Schon als Knaben, daß Hunger nicht ehrlos macht.
Nie kaufte ein üppiger Tisch uns die hohen
Hoffnungen ab.

Wir neiden euch nicht, ihr drüben, eurer Kamine
Schläferndes Warm. Die Wimper eurer
Flachen entzauberten Weiber betört uns nicht.
Leer heißen uns eure Tänze,
Leer euer Lärm.

Die ein Hebräer anführt:
Einer Schlachtsau Leben wird einstmals das eure gelten
Stickig und fett.
Wenn aber wir fallen,
Wird lang unsre Jugend
Wie ein Riff aus dem Meer der Geschlechter ragen,
Da wir dem heerfolgten,
Der, entwachsen dem Sagbaren,
Aller Satzung enthoben
Alles Vergänglichen bar,
Aller Nächster und Fremdester,
Niedergestiegen von drüben,
Unbegreiflich uns vorfocht,
Dem wir gehorchten,
Weil unser höchstes Gebot auch sein Feldzeichen war.[14]

Damit, dergleichen als “ungare Stücke eines namen- und einflußlosen Debütanten” zu bezeichnen, wie Gaiser in einem Gespräch mit Horst Bienek anno 62 unwirsch festzustellen beliebte,[15] ist es wahrlich nicht getan. Hitler, “niedergestiegen” wie ein Gott und “aller [menschlichen] Satzung enthoben”, die von einem “Hebräer” (Roosevelt?) Angeführten, also – sagen wir es doch unverblümt – die Juden durch seine Henker wie Säue, ja Ungeziefer abschlachtend: nein, das war keine harmlos ‘verirrte’ Reichs- oder Kriegslyrik. Gaisers unsägliche “Poesie [schade um den Namen] diente bewußt einer sehr konkreten Politik”.[16]

[14] Gerd Gaiser: Reiter am Himmel: Gedichte. München 1941. S. 57f.; das mir vorliegende
Exemplar trägt den Stempel “Hauptarchiv der NSDAP. Nr. 38,54”.
[15] Vgl. Horst Bienek: Werkstattgespräche mit Schriftstellern. Mit 15 Photos auf
Tafeln. München 1962. S. 220.
[16] So Reich-Ranicki: Deutsche Literatur in West und Ost. S. 56.

Aus:

Gerd Gaisers Reiter am Himmel – Bemerkungen zu seinem Roman Die sterbende Jagd

Author: Grimm, Reinhold

Source: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, SCHULD UND SÜHNE? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit (1945-1961) Internationale Konferenz vom 01.-04.09.1999 in Berlin. HEUKENKAMP, Ursula (Hrsg.) , pp. 21-33(13)

Literatur

Walter Jens: Gegen die Überschätzung Gerd Gaisers: Nicht alles, was zur
Klampfe gesungen wird, ist Dichtung. In: Die Zeit vom 25.11.1960; auch in: Hans
Mayer (Hrsg.): Deutsche Literaturkritik der Gegenwart. Frankfurt a.M. 1983. Bd. 4:
S. 74-81.

Marcel Reich-Ranicki: Deutsche Literatur in West und Ost: Prosa seit 1945. München
1963. S. 55-80 (erstmals in Der Monat vom selben Jahr)

183. Meine Anthologie: Schuldspruch

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Rumänien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 05:12

Volker Braun

Schuldspruch

Der siebenbürgische Dichter DU HAST MICH VERFÜHRT
Mit meinen ersten Versen, den Sozialismus zu glauben.
Hätte er weitergelesen … Kann ich dafür
Daß er sitzenbleibt in meiner Schule.
Ich habe genug zu tun mit meiner eigenen Dummheit
Und kauen wir nicht den gleichen rohen entsetzlichen Stoff.

Aus: Volker Braun: Die Zickzackbrücke. Ein Abrißkalender. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1992, S. 85

Dieses Gedicht hatte ich nicht vergessen. Es fiel mir immer mal wieder ein und diesen Herbst/ Winter und zwischen den Festen erneut aus gegebenem rohen entsetzlichen Anlaß. In unserer je eigenen Dummheit lachen wir über die SCHLAUEN. Die alles schon wissen, wie noch ein anderer geschrieben hat. Lachen mit Schluckauf.

Meine Anthologie: Be-sinnlich

29. Dezember 2009

182. Versroman

Was hilft die Versicherung, Puschkins “Onegin” gehöre zu den schönsten Werken der Weltliteratur, wenn es sich um eine 200 Seiten lange Dichtung in Versen handelt? Von Erzählungen erwartet man heute Prosa, Verse nur von kurzen Gedichten. Diese strikte Aufteilung macht es einem Versroman in Strophen zu je 14 Zeilen schwer, die Gunst des Publikums zu gewinnen. Würden die deutschen Leser noch ihre klassischen Versepen kennen, Wielands “Oberon”, Goethes “Herrmann und Dorothea”, Heines “Atta Troll”, so gefiele ihnen der witzige, spielerische und doch weltkluge Ton von Puschkins melancholischer Geschichte eines gelangweilten Dandys ebenso wie die geistreichen Zwischenbemerkungen des Erzählers über das Metier des Schriftstellers. …

Fällt in “Eugen Onegin” der Name Theokrits, so liefert der Kommentator zwei profunde Seiten über Charakter und Wert von Theokrits Idyllen, über sein Ansehen im 18. und 19. Jahrhundert und die moralische Säuberung der Theokrit-Übersetzungen im viktorianischen Zeitalter.
Nabokov genügt allen Anforderungen an einen philologisch zuverlässigen Kommentar, übertrifft ihn jedoch durch elegante Formulierung und die Lizenz aphoristischer Einschübe (“Die Gewagtheiten des einen Zeitalters sind die Platitüden des nächsten”).

/ HEINZ SCHLAFFER, SZ 22.12.

VLADIMIR NABOKOV: Kommentar zu Eugen Onegin. Aus dem Englischen von Sabine Baumann. 1331 Seiten.

ALEXANDER PUSCHKIN: Eugen Onegin. Ein Versroman. Aus dem Russischen von Sabine Baumann. Vorwort und Einleitung von Vladimir Nabokov. 294 Seiten. – Beide Bände: Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main und Basel 2009. Zusammen 128 Euro.

181. ALL AROUND THE WORLD THE SAME SONG


Einsortiert unter: Englisch, USA — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 22:23

How globe-trotting poetries may not beat scrawls in a cave.

By C.K. Williams
Poetry Media Service

All over the world, if not every day then in every age, beautiful paintings and poems and pieces of music and buildings are generated: one can almost imagine little flaring lights on the surface of the earth, like those seen in photos from space, though they are much more sparse and scattered than the illuminating devices that bespeckle our globe. And then over time these embodiments of the beautiful are harvested, amassed, collected in books, in museums, in concert halls, to be distributed into the lives of individual human beings, to become crucial elements of their existence. Often, our experience of beauty will be the first hint of what each of us at some point will dare call our soul. For don’t those first stirrings of that eternally uncertain, barely grasped notion of something more than mere mind, mere thought, mere emotion, usually first come to us in the line of a poem, a passage of music, the unreal yet more-than-real image in a painting?

And isn’t it also the case after all that beauty is the one true thing we can count on in a world of insufferable uncertainty, of constant moral conflicts? I’ve wondered sometimes if humans invented gods to have something appropriately sensitive, grand, and wise enough to appreciate these miraculous modes of beauty that are so different in material and quality from anything else in the world. Might gods have first been devised not to assuage our fears and hear our complaints and entreaties, but for there to be identities sufficiently sublime to understand what those first painters and sculptors—and surely, though the words and tunes have been lost, those poets and singers—had wrought?

Perhaps this is why those first great artworks were executed deep in caves, so as to be certain the divinities who were their audience wouldn’t be distracted by the wonder of the natural world, and so lose the concentration necessary to glory in, and be glorified by, these singular human creations that equaled and even surpassed what had been given by nature for meditation. And perhaps that’s why poets, who may half-remember such matters, go off into what can look to others like solitary caverns, shadowed with loneliness, but which surely aren’t.

C.K. Williams’s new book of poems, Wait, will be published in spring 2010. He will also publish a prose study, On Whitman, around the same time. He teaches in the creative writing program at Princeton University. Excerpted from “All Around the World the Same Song,” originally published in the March 2009 issue of Poetry magazine and available at www.poetryfoundation.org.

Distributed by the Poetry Foundation.
© 2009 by C.K. Williams. All rights reserved.

180. Visionen eines muslimischen Zarathustra

Einsortiert unter: Arabisch, Syrien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 18:43

Auf Steinen unter Bäumen hat er die ersten Verse gelernt. “Die Bäume sind Blätter in meinen Heften, und die / Steine sind Gedichte wie ich”, erinnerte sich Ali Ahmad Sa”id Isbir später. Am 1. Januar wird der syrisch-libanesische Dichter mit dem Pseudonym Adonis 80 Jahre alt.

Er gilt vielen als der bedeutendste arabischsprachige Lyriker der Gegenwart und wird seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Schon sein Vater, Bauer und Imam des syrischen Dorfs Quassabin, wo Adonis 1930 geboren wurde, schrieb Gedichte. Als der Staatspräsident das Dorf besuchte, durfte der 13-jährige Ali selbst verfasste Gedichte vortragen. Zum Dank wurde ihm sein sehnlichster Wunsch erfüllt: eine Schule besuchen zu dürfen.

Er studierte Philosophie und promovierte nach einem Studienaufenthalt in Paris 1973 an der Beiruter Universität über “Das Veränderliche und das Beständige – Tradition und Erneuerung in der arabischen Kultur”. Bekanntgemacht hat ihn der Gedichtband “Die Gesänge Mihyars, des Damaszeners” (1961, deutsch 1998) – Visionen eines muslimischen Zarathustra. In dem Werk verschmelzen die Sufi-Lyrik islamischer Mystiker und das Pathos Friedrich Nietzsches miteinander. / Claudia Schülke, Stuttgarter Nachrichten 29.12.

In L&Poe (vollständig im Archiv erreichbar):

2001    Jan    #    Nacht der Poesie auf dem Potsdamer Platz
2001    Mrz    #    Wenn wir nun die Meßlatte von Adonis´ Dichtung
2001    Apr    #    Welt der Wortkunst
2001    Jul    #    Zwischen Zauber und Zeichen
2001    Okt    #    Nicht der Gott des Islam
2001    Dez    #    In diesen Briefen lebt die Langsamkeit
2002    Jan    #    Stefan Weidner rezensiert
2002    Mrz    #    Adonis´ Stimme
2002    Mrz    #    Lyrik in ausgewählten Zeitschriften
2002    Jun    #    „Der Islam braucht die westliche Kultur“
2002    Jul    #    Adonis´ Buch
2002    Jul    #    Poetry after Adonis
2002    Jul    #    Gedichte
2002    Okt    #    Innerarabische Diskussion
2002    Okt    #    Grab für New York
2002    Okt    #    Überwindung des Orientalismus
2002    Okt    #    Poesie der Freiheit
2002    Nov    #    Nur Hirtenvölker bevorzugen die Poesie
2003    Aug    #    Eindringlinge und Tyrannen
2003    Sep    #    Hussein Al-Mozany schreibt
2003    Okt    #    Der irakische Dichter Sargon Boulus
2003    Dez    #    Gipfeltreffen in Beirut
2004    Aug    #17.    Arabische Literatur
2004    Aug    #32.    Schönheit des Arabischen
2004    Sep    #11.    Araber: Warum die Lyrik vorherrscht
2004    Sep    #68.    Ich, Adonis
2004    Sep    #70.    Revolution der arabischen Lyrik
2004    Sep    #73.    Grab für New York
2004    Sep    #78.    Kurzporträts
2004    Okt    #13.    Adonis Band 2
2004    Okt    #19.    Im Garten mit Baudelaire
2004    Okt    #32.    Wort-Alchemie
2004    Okt    #60.    Abdelwahab Meddeb
2004    Dez    #97.    Adonis 75
2004    Dez    #105.    Oleschinskis Sprachreise
2005    Jan    #61.    Unter Perlentauchers top 50
2005    Feb    #52.    Zwei arabische Dichter
2005    Mrz    #55.    Der syrische Dichter Adonis eröffnet,
2005    Mrz    #81.    Im Nouvel Observateur
2005    Mrz    #100.    Unvollendetes Gedicht
2005    Mai    #11.    ”Poesie International” in Dornbirn
2005    Mai    #87.    Léopold Sédar Senghor-Preis
2006    Jan    #49.    Todesliste – summa cum laude
2006    Mrz    #68.    Hört nicht auf eure Eltern
2006    Mrz    #97.    Es gibt sie immer noch,
2006    Jul    #81.    Adonis über das laizistische Experiment Libanon
2006    Aug    #71.    Über die Radikalisierung
2006    Sep    #108.    Mit geschlossenem Mund gähnen
2006    Okt    #37.    Nobelwetten und Damenfußball
2006    Dez    #50.    Im Namen des Islam
2007    Mrz    #3.    Lest Rifka!
2007    Mrz    #75.    Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (4): 23.3.
2007    Jul    #106.    Revolutonär und Seher
2007    Okt    #98.    Sargon Boulus gestorben
2007    Okt    #124.    Mallarmés Würfelwurf
2008    Nov    #64.    Algerische Intellektuelle über Angriffe auf die Meinungsfreiheit beunruhigt
2008    Dez    #45.    Dialog
2009    Feb    #113.    Wer gewinnt?
2009    Jun    #55.    ”Die arabische Sprache, mein einziges Land”
2009    Aug    #40. Ammann hört auf

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