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Archiv für den Tag 22. November 2009

Im Netz seit 1.1.2001

114. Pantheonisierung

Der Sohn von Albert Camus möchte nicht, daß sein Vater ins Pantheon kommt. Er fürchtet die politische Vereinnahmung. Die Camus scheuen das sarkozyanische Pantheon wie die Pest. Was für eine Naivität. Man pantheonisiert immer aus schlechten Gründen: die Pantheonisation ist immer Mißbrauch des Genies für die (zeitweiligen) Bedürfnisse der Republik. pardon: des Präsidenten der Republik.  …

Nie wird man den Marquis de Sade dort erblicken, nie Céline. Man wird weder Rimbaud noch Lautréamont einlassen, und es ist gut, daß Péguy nicht drin ist. Jean Genet kommt nicht hinein. Und wenn Proust hineinkommt, dann aus unguten Gründen. Vielleicht kommt Sartre hinein, denn er tut keinem mehr weh, aber immerhin hat er vielen wehgetan. Doch hat man viel zuviel Angst, daß sich sein Leichnam weigern wird. / Yann Moix, La règle du jeu 21.11.

113. Friedrich Torbergs “Die Rettung” erworben

Die Österreichische Nationalbibliothek hat eine von Friedrich Torberg zusammengestellte Gedichtauswahl mit dem Titel “Die Rettung” erworben. Sie stammt aus dem Nachlass der Schauspielerin Judith Holzmeister.

Das Typoskript stelle “ein interessantes Bindeglied zwischen den Motiven eines frühen Entwurfs und denen der eigentlichen Publikation dar, die vor allem das Erleben der Flucht und des Heimatverlustes thematisiert”, hieß es seitens der Nationalbibliothek. / ORF

112. «Wilne schtot fun gajst un tmimes»

«Wilne schtot fun gajst un tmimes», Wilna, Stadt des Geistes und der Vollkommenheit – so beginnt ein jiddisches Gedicht aus dem 18. Jahrhundert, das, zu einem Lied umgearbeitet, den Beginn einer Theaterveranstaltung im Ghetto markierte. Dass die Juden sogar unter den existenziell dramatischen Umständen im Ghetto in diesem Lied Trost fanden, zeigt ihre besondere Anhänglichkeit an die Stadt, die in Europa «litauisches Jerusalem» genannt wurde.

Tatsächlich war Wilne, wie die Stadt auf Jiddisch heisst, eine jüdische Stadt: eine Hochburg jüdischer und jiddischer Gelehrsamkeit, ein zentraler Ort sowohl des Chassidismus als auch der Haskala und darüber hinaus eine bedeutende Verlags-, Literatur- und Theaterstadt. Vielleicht auch deshalb hatte die Wilnaer Haskala, die jüdische Aufklärung, anders als die Berliner Haskala, kein assimilatorisches Ansinnen. Während die jüdischen Intellektuellen in Berlin Jiddisch abschätzig als Jargon bezeichneten und das Idiom ablegten, um deutsche Gelehrte, Philosophen und Dichter zu werden, wurde Wilna das Zentrum der jiddischen Literatur und des Jüdischen überhaupt. Zu den bedeutendsten Kultureinrichtungen in Wilna gehörte das Jüdische Wissenschaftliche Institut, an dem Abraham Sutzkever lernte, bevor er sich dem avantgardistischen jüdischen Schriftsteller- und Künstlerkreis Jung-Wilne anschloss. Sutzkever, 1913 in Smorgon geboren und in Wilna aufgewachsen, gehört zu jenen jiddischen Dichtern, die den «Jargon» zu einer literarischen Sprache umformten.

Sein dichterisches Schaffen wird nun zusammen mit seiner dokumentarischen Darstellung des Wilnaer Ghettos in einer zweibändigen Ausgabe vorgestellt, die zu den letzten Grosstaten des Ammann-Verlags gehören wird. Hubert Witt hat eine schöne Auswahl der Gedichte getroffen und sie angemessen, also in einer behutsamen Gratwanderung zwischen Rhythmus, Reim und Sprachbildern, übersetzt. In «Wilner Getto», das jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, beschreibt Sutzkever die Ghetto-Wirklichkeit und zugleich die Entstehung der Gedichte, die ihrerseits diese Wirklichkeit festhalten. So stellt diese Ausgabe den Lyriker als Zeitzeugen und den Zeitzeugen als Lyriker vor.

Sutzkevers erstes Gedicht erschien 1932. Danach veröffentlichte er in regelmässigen Abständen Prosa und Verse in jiddischen Zeitschriften, und 1937 erschien sein erster Gedichtband, «Lider» – Gesänge. In diesen Gedichten schafft er suggestive Sprachbilder, um seelische Landschaften zu zeichnen, und kombiniert archaische mit modernen Ausdrücken – wie man in der von Hubert Witt nun besorgten Auswahl der Gedichte erkennen kann. Aber der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Wilna unterbrach abrupt seine gerade begonnene literarische Karriere und setzte einem Kapitel jüdischer Geschichte ein absolutes Ende: «Als ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anschloss, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache.» So beginnt Sutzkevers Bericht «Wilner Getto». / Stefana Sabin, NZZ 21.11.

Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941–1944 / Gesänge vom Meer des Todes. Gedichte. Aus dem Jiddischen von Hubert Witt. Ammann-Verlag, Zürich 2009. 2 Bände in Schuber, 272 und 192 S., Fr. 67.90.

Da die Ausgabe leider nicht zweisprachig ist, hier ein Hinweis auf ein Originalgedicht Sutzkevers auf Jiddisch (mit hebräischer und lateinischer Schrift) und eine Übersetzung von Paul Spinger. Die erste Strophe geht so:

אונטער דײַנע ווײַסע שטערן
שטרעק צו מיר בײַן װײַסע האַנט.
מײַנע װערטער זײַנען טרערן
װילן רוען אין דײַן האַנט.
זע, אעס טונקלט וײער פֿינקל
אין מײַן קעלערדיקן בליק
און איך האָב גאָרניט קײן װינקל
זײ צו שענקען דיר צוריק.

unter dayne vayse shtern
shtrek tsu mir dayn vayse hant.
mayne verter zaynen trern,
viln ruen in dayn hant.
ze, es tunklt zeyer finkl
in mayn kelerdikn blik,
un ikh hob gornit keyn vinkl
zey tsu shenken dir tsurik.

Unter deinen weißen Sternen,
Reich mir deine weiße Hand.
Meine Wörter sind wie Tränen,
Wollen ruhn in deiner Hand.
Sieh, wie sich der Glanz verdunkelt
Unter meinem finstern Blick;
Ich hab keinen Ort gefunden;
Wie geb ich sie dir zurück?

(In Huberts Witts Übersetzung hat das Gedicht vierzeilige Strophen)

Hier Paul Spingers Sammlung jiddischer Lyrik

Unbedingt lesenswert! Am bewegendsten das Gedicht eines jüdischen Mädchens, das etwa 1944 im Alter von 12 Jahren in Bergen-Belsen ums Leben kam: Ester Shtub, Das Lied vom Barackenbauen. Ein gar nicht kindliches, starkes Gedicht des durch Not frühreifen Kindes. Ich zitiere die erste Strophe:

eyns, tsvey, dray -
ven veln mir zayn fray?
hungerik, borves, opgerisn,
fun tate-mame gor nisht visn -
got! vi tut dos vey.

(v lies w, z lies stimmhaftes s. borves = barfuß, tate = Papa)

Und ein um 1350 geschriebenes jiddisches Liebesgedicht, lid fun der hertsalerlibst, überliefert als Glosse in einem Kommentar des Rabbi Solomon ben Yitskhok.

111. Poesie des Untergrunds, aufgetaucht

Nur gut, dass das Bett von Elke Erb zusammengebrochen ist. Darunter kam ein Bettkasten zum Vorschein, der allerlei Bilder und Manuskripte enthielt. Die Lyrikerin meldete sich bei den Kuratoren der Ausstellung „Poesie des Untergrunds – Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989“: Sie sollten kommen und holen, was sie brauchen könnten. Denn wenn das Bett erst repariert wäre, dann verschwinde die Kiste wieder für die nächsten zehn Jahre.

Die DDR-Geschichte versinkt mit atemraubendem Tempo in der Vergangenheit, so dass selbst deren Protagonisten sich ihrer Herkunft immer wieder versichern müssen und überrascht sind, was unter ihren Betten zum Vorschein kommt. Das ist wohl der Hauptzweck dieser Schau, die eben keine Ausstellung über die Kunstszene ist, sondern eine Selbstdarstellung der Beteiligten: Seht her, es war schön, und wir waren viele! Es gehe darum, „die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte zurückzugewinnen“, sagte der Kunstwissenschaftler Christoph Tannert bei der überfüllten Eröffnung am Freitagabend. Die Bereitschaft, Erinnerungsstücke zur Verfügung zu stellen, war groß, leicht hätten größere Hallen gefüllt werden können als das Prenzlauer-Berg-Museum. In einer parallelen zweiten Ausstellung, die kommenden Samstag im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg eröffnet werden wird, sind deshalb ganz andere Exponate zu sehen.

Die Ausstellung beginnt mit einem Gruppenfoto aus dem Jahr 1981, das nach einer Lesung in der Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß entstand. Im Hintergrund Flaschen, Bilder und alte Schränke. Davor haben sie sich aufgebaut wie für ein Mannschaftsfoto: Helden einer Zeit, in der man karierte Hemden trug. Wer kennt sie noch: Eberhard Häfner oder Roland Manzke, Michael Rom oder Rüdiger Rosenthal? Nur wenige wie Jan Faktor oder Uwe Kolbe haben sich über die Wende hinaus als Schriftsteller etabliert. Die älteren, berühmteren, wie Wolfgang Hilbig, Adolf Endler, Elke Erb oder die mit ihren Bildern heute so erfolgreiche Malerin Cornelia Schleime, fehlen auf diesem Foto. Der bekannteste ist wohl der als Stasi-Spitzel enttarnte Sascha Anderson, der auch hier im Mittelpunkt sitzt. Einer seiner IM-Berichte – genaue und ausführliche Psychogramme aller befreundeten Künstler – ist das womöglich interessanteste Dokument der Ausstellung. / Jörg Magenau, Tagesspiegel 22.11.

Bis 7. Februar, Prenzlauer Berg Museum, Prenzlauer Allee 227/228, Sa–Do 10–18 Uhr, Eintritt frei.

Begleitbuch zur Ausstellung: Uwe Warnke, Ingeborg Quaas (Hrsg.): Die Addition der Differenzen. Verbrecher-Verlag Berlin, 2009. 290 S., 19,90 €.

Beim Leipziger textenet-Festival gibt es gegenwärtig Zeichnungen aus diesem Umkreis zu sehen

Nur noch bis 23.11. (!) in der Werkstatt für Kunstprojekte, Karl Heine Straße 46-48

Proben siehe

98. Bert Papenfuß und Ronald Lippok

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