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Archiv für den Tag 27. August 2009

Im Netz seit 1.1.2001

067. Nahbellpreis-Interview mit JÜLICHER NACHRICHTEN als Kritik an der “Generation Gag”

G&GN-Institut New Cologne (Berlin) / Anläßlich des Autorenportraits der Jülicher Nachrichten mit dem ortsansässigen aktuellen 10. Nahbellpreisträger KARL-JOHANNES VOGT in den kommenden Tagen stellte die Lokalredakteurin Saskia Zimmer acht Fragen an Tom de Toys, die nicht als Interview abgedruckt werden und deren Beantwortung daher nun in Originallänge auf der Preisdomain zu lesen sind. Darin erklärt De Toys die Hintergründe des Preises: wer wann wieso als Preisträger in Frage kommt, warum es den Preis überhaupt gibt und was genau Vogts Gedichte dafür auszeichnet… Ein etwas anderer Begriff von “JETZT” als bei vielen Lyrikern der jüngsten “Generation Gag” [*] spielt dabei auch eine Rolle:

“(…) Aufgrund der wachsenden Kritik am traditionellen Nobelpreis wurde der Nahbellpreis im Jahre 2000 ins Leben gerufen und wird von der Trademark “POEMiE” idealistisch gefördert. Bis heute konnte leider kein Preisgeld ausgezahlt werden, da sich noch keine Großsponsoren fanden, die diese visionäre Notwendigkeit nachvollziehen. (…) Der Nahbellpreis würdigt Lebenswerke und öffentliches Engagemnet solcher Poeten, die ansonsten in Vergessenheit zu geraten drohen oder im laufenden Literaturbetrieb zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Gemäß dem Urkundentext sind lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz ausschlaggebend, um unser Interesse zu wecken. (…) Das Besondere an Vogts poetischen Miniaturen ist deren erstaunlich ruhiger und tiefer Blick auf die kostbare Wirklichkeit des alltäglichen Lebens: Ganz gleich ob er über seine Erfahrungen mit der Liebe philosophiert oder das absurde Weltgeschehen oder die Natur aus der Nähe betrachtet, immer schwingt da eine sehr starke Bewußtheit der Hingabe an die Gegenwärtigkeit UND Vergänglichkeit des “absoluten Augenblicks” mit, vergleichbar mit der Beschreibung von Realität in Zengedichten. Dadurch sind seine Texte hochkonzentriert und wirken trotzdem wie beiläufig notiert – das ist für mein Empfinden einfach genial! Außerdem leistet sein Werk damit sowohl unter seelischen als auch soziologischen Gesichtspunkten einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Gedächtnis einer Zivilisation, die immer oberflächlicher und schnelllebiger wird. Das spirituelle Bedürfnis nach “innerer Mitte” und dem “Ankommen im Jetzt” wächst zwar glücklicherweise wieder in der Bevölkerung, spiegelt sich allerdings im etablierten Literaturbetrieb ebenso ungenügend wider wie in der Politik.”

VOLLSTÄNDIGE ORIGINALQUELLE: http://www.naHbellPREIS.de – DER DURCHWAHL-LINK:
http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=10801

* Mit Generation “Gag” wird hier angespielt auf das zwanghafte (und meist lichtlose) verkopfte Konstruieren von kryptischen Metaphern, die der Celanschen “Tradition” nacheifern wollen, darüberhinaus aber versuchen, dem oberflächlichen Ernst ein humoreskes oder prätenziös “zeitgeistiges” Sahnehäubchen aufzusetzen, was beim geübten Lyrik-Leser allerdings nicht die zumeist postpubertäre Inhaltslosigkeit zu verschleiern vermag. PERMANENT SKANDALÖS ist daran, daß der “etablierte” Literaturbetrieb noch immer nicht aus diesem Billigdornröschenschlaf erwacht ist und dadurch die Seelenlosigkeit (nicht zu verwechseln mit der FREIHEIT der Seele!) subventioniert anstatt das BEDÜRFNIS VIELER “NORMALER” LESER (querbeet aus Berufszweigen wie z.B. Ärzten, Anwälten, Therapeuten, Fachverkäufern, Handwerkern und Supermarktkassierern) nach unverschlüsseltem Tiefgang zu befriedigen. DAS ergaben Umfragen im privaten Umfeld des G&GN-Instituts und mögen hier vielleicht ungerecht provokativ wirken, dürfen deshalb aber nicht ungenannt bleiben. DISKUTIERT wird darüber sowieso nicht wirklich, da jeder im Betrieb gern Chefschäfer spielt und selbst das Trockene sucht, notfalls sogar die Herde (sprich: das authentische Bemühen um “wahre” Poesie aus “innerer Notwendigkeit”) im Stich lässt, sofern es sich überhaupt noch um echte Tiere und kein Plastikspielzeug handelt. Manch ein inzwischen bundesweit “berühmter” Jungdichter (mittleren Alters) outet sich deshalb auch unter Alkoholeinfluss schonmal mit zynisch verklärtem Blick als sogenannter “Berufslyriker”. Namen zu nennen würde hier allerdings bloß deren Bedeutung unnötig aufblasen, solange des Kaisers neue Kleider noch nicht aus allen Nähten platzen (man möge sich das kybernetisch wie beim Börsencrash vorstellen: der verdrängte Tag kommt irgendwann SEHR plötzlich, und danach werden sowohl der POETISCHE SPRACHSCHATZ an sich als auch die verklüngelten Betriebsregeln völlig neu geordnet)… [Anm. Sebastian Nutzlos]

066. Sergej Michalkow gestorben

Für die einen ist er der Hymnendichter, für die andern der Verfasser der Satire “Der Hase im Rausch” – die Eingeweihten wissen, was ich meine. Die andern können das hier nachholen:

Sergej Michalkow ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Der Spiegel meldet:

Sergej Michalkow verfasste den russischen Hymnentext im Auftrag des sowjetischen Diktators Josef Stalin zur weltbekannten Melodie des Komponisten Alexander Alexandrow, fertigte 1977 eine Version ohne stalinistische Lobreisrhetorik an. Zur Jahrtausendwende schrieb er, bereits 87, einen neuen Text für die vom damaligen Präsidenten Wladimir Putin wieder eingeführte Hymne.

Putin hatte die Melodie Alexandrows damals erneut zur offiziellen Hymne Russlands erklärt, nachdem seit 1991 das unpopuläre “Patriotische Lied” von Michail Glinka bei offiziellen Anlässen und internationalen Sportwettkämpfen gespielt worden war – ohne Text.

Das alte Lied erklang erstmals seit dem Ende der Sowjetunion wieder in der Neujahrsnacht auf 2001. “Die Hymne ist mehr als ein Symbol. Ohne sie kann man nicht leben. Wir werden die Verstimmungen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart überwinden”, hatte Putin im Dezember 2000 gesagt.

065. Aus für Reimann-Literaturhaus in Neubrandenburg

Das Brigitte-Reimann-Literaturhaus in Neubrandenburg und das Hans-Fallada-Archiv in Carwitz bei Feldberg werden aus Geldnot am 1. September geschlossen. “Wir haben uns dazu durchringen müssen, zwei Mitarbeiterinnen wurde gekündigt”, sagte der Vereinsvorsitzende vom Literaturzentrum Neubrandenburg, Joachim Lübbert, am Donnerstag. Das Hans-Fallada-Museum in Carwitz, das die Fallada-Gesellschaft betreibt, sei nicht von der Schließung betroffen. …

Das Literaturhaus ist ein Neubau und steht seit 1999 auf dem Grundstück, auf dem Reimann (1933-1973) mehrere Jahre lebte. Dort werden die Nachlässe Reimanns, Falladas (1893-1947), aber auch weiterer Autoren wie beispielsweise Martin Pohl, Margarete Neumann, Helmut Sakowski, Rudi Strahl und Joachim Wohlgemuth aufbewahrt und gepflegt. / NDR

Neubrandenburg und Feldberg in L&Poe:

2006    Jan    #89.    Der Feldberger Lyrikerin Sabine Lange
2006    Mrz    #25.    Pommern liegt am Meer
2006    Nov    #110.    Buchpremiere: “Verschwiegene Gedichte”
2007    Okt    #2.    Martin Pohl gestorben
2007    Okt    #13.    Martin Pohl rezitierte zarte Zeilen rauh

064. Liebesgedichte der “deutschen Sappho”

Freilich war es neben den Göttern nicht zuletzt auch der Dichter Gleim, der diesem Geist sich zu entfalten verhalf: Von ihm stammt die markante Bezeichnung “deutsche Sappho”, und aufgrund der Beziehung zu ihm entstand der Hauptstrang des Karschen Werks.

Die Herausgeberin Regina Nörtemann, der wir schon die dreibändige Ausgabe des lyrischen Werks Gertud Kolmars verdanken, hat sich nun dieser Liebesgedichte der “deutschen Sappho” angenommen, sie den Archiven entrissen und erstmals in einem sorgfältig komponierten und kommentierten Band zusammengefasst. Es sind originelle Texte darunter, etwa jener Gesang “an die Spatzen” (“Ihr schweigt noch nicht mit dem Geschwätze?/ Auf, eilt, daß sich ein ganzes Chor/ Von Euch, vor Thyrsis fenster setze;/ Da schwatzt ihm Liebe vor!”), und es finden sich Passagen von großer Kraft und Sinnlichkeit: “Deinen Anblick kann ich nicht ertragen,/ Wie den Blitz, in heißen Erntetagen,/ Fühl´ ich ihn mir durch die Seele gehen!” Natürlich taucht daneben das gesamte lyrische Repertoire jener Epoche auf, allerlei Ingredienzen, die man heute allzu schnell als Rokokokoketterien, ja als Rokokokokolores abzutun bereit ist: Beschwörungen der alten Götter Zeus, Venus und Amor fehlen ebensowenig wie Nachtigallen und Seufzer, Rosenlippen und schmerzende Busen, Schäfer und “ganze Ströme Zähren”.

All das lässt aber nicht den durchaus eigenen Ton überhören, erst recht nicht die unbändigen Wendungen, auf die man immer wieder stößt; einmal ist vom “sich turteltäubisch grämen” die Rede, anderswo heißt es “ich knirschte vor Verdrusse”: Das ist so einprägsam, dass man als Leser selber mit den Zähnen zu mahlen beginnt. Aufregender als so manche Verse ist trotzdem die Geschichte ihrer Entstehung – und die ihrer Redaktion durch Gleim, die in diesem Buch dokumentiert wird. / Jan Wagner, FR 27.8.

Anna Louisa Karsch in L&Poe:

2009    Jun    #66.    In Bienen
2009    Aug    #29.    “Sapphische Lieder” der  Karschin sind Buch des Monats

(alle archivierten älteren Nachrichten sind über den Button “Archiv” erreichbar)

063. Gedicht in Prosa

Das Historische und das Schöne, genauer: das Kunstschöne, gehören in der Antike zusammen. Die erste der neun Musen, die Hesiod (um 700 v. Chr.) nennt, ist Klio, “die Rühmerin”, die Muse der Geschichtsschreibung. Und als rund 800 Jahre später der römische Rhetoriker Quintilian sich Gedanken macht über die Bedeutung historischen Wissens für den Redner, da sagt er, dass die Geschichtsschreibung der Dichtung unmittelbar benachbart sei, gewissermaßen ein “Gedicht in Prosa”, carmen solutum. / Stephan Speicher, SZ 26.8.

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