Lyrikzeitung & Poetry News

4. April 2009

31. Peter Geist, aus der Laudatio zum Huchelpreis für Gerhard Falkner

Es ist hohe Zeit, den Gründen nachzuspüren, warum seit Erscheinen seines ersten Gedichtbandes „so beginnen am körper die tage“ 1981 die Rezeption des Falknerschen Werkes kontinuierlich nur zwei Amplituden kennt – die begeisterte Aufnahme wie die schroffe Ablehnung, und wie diese seltsame, ihresgleichen suchende Kontinuität mit gesellschaftlichen Verfasstheiten offenbar koinzidiert. Denn die Falknersche Lyrik stach stets traumsicher in die Wundstellen jeweiliger Selbstvergewisserung deutscher Kultur der sublimeren Art, die gewohnt war, politisch zu sortieren oder grob-ästhetisch, und die nun einem Rätsel standhalten sollte. Es muss ja Gründe geben, dass 2006 ein weitaus jüngerer Lyriker, Steffen Popp, zum Erstlingswerk notierte:

„Eine Art Efeu, gelangt das Sprechen an dieser Kontur, diesen Linien aus Vergeblichkeit und Schmerzen, zu einer Form; getrieben vom Willen zur Fassung der Situation, zur Behauptung einer eigenen Wirklichkeit, entwirft Falkner seine Gedichte um Momente des Außerordentlichen, Momente des Intensiven, der unverhältnismäßigen Durchdringung oder einfach nur des Gelingens, die es gegen eine in ihren Verhältnissen ruhende Welt zu verwirklichen gilt.“

Mich an meine eigenen starken Glücksgefühle bei der ersten Lektüre des Luchterhand-Bändchens erinnernd, bin ich mir sicher, dass es kein Zufall sein kann, dass diese seltene Art von Nobilität seit einigen Jahren von nachgewachsenen Lyrikern wie Steffen Popp, André Rudolph oder Uwe Tellkamp als beerbbar gilt, angesichts des Endlosgeplappers ringsum.

Gehen wir aber zunächst fast dreißig Jahre zurück: Der Zustand weiter Bezirke der bundesrepublikanischen Lyrik Anfang der achtziger Jahre lässt sich in wenigen Stichworten beschreiben: Es dominierten Befindlichkeitsgeschwurbel, die Wiederentdeckung der Form als Häkelarbeit, Oberflächenbebilderung und Drittaufgüsse der einstmals innovativen „konkreten Poesie“. In diese Landschaft siedelte nun plötzlich eine Dichtung, deren Fahnenworte „Schönheit“, „Erhabenheit“, „Sprachraffinesse“ hießen, und als wären solche Entlegenheiten nicht genug, von Anfang an verbunden war mit essayistischer Analyse und Polemik, etwa in Richtung der Brinkmann-Adepten: „Die Warenscheinlichkeit unserer Gesellschaft und die Verschleierung der Herrschaft ist zu infam, als daß sie sich in einem Spot auf Supermärkte ‚erkenntlich’ zeigen würde. (…) Jede Kunst, die meint, es genüge, abzubilden oder zu wiederholen, was oben auf der Hand liegt, übersieht neben ihrer ostentativen Belanglosigkeit auch ihr affirmatives Agens. Die ‚ungekünstelte’ Sprache ist eine beherrschte Sprache.“ / so beginnen am körper die tage 73f.) Die Einsicht in die Warenförmigkeit auch der randständigen Lyrikproduktion ermöglichte es Falkner, illusionsloser als viele seiner Kollegen, die Zusammenhänge zwischen Herrschaftsdiskursen und Poesie auszuleuchten. …

Gerhard Falkner unternahm in den achtziger Jahren ein einsames Abenteuer, gleichsam als Foucault der deutschen Poesie. Er unterzog die Möglichkeiten poetischen Sprechens einem Härtetest, indem er poststrukturalistische Maximen wie Stimmensplitting, Dekonstruktion, Abkehr vom Individualstil, intertextuelles Verweisspiel in seinem dritten Gedichtband „wemut“ anwandte und zugleich überprüfte. Mit Verve entwand Falkner „alte“ Grundworte des Poetischen wie „Seele“, „Atem“, „Glanz“, „Asche“, „Blume“, „das Schöne“ der Vernutztheit, konfrontierte sie mit den Zeichen einer zunehmend totalitär verwalteten Digitalwelt, band sie in kühne Metaphern, in überraschungsstiftende Vorgänge ein, so dass sie wieder zu Kräften kommen konnten. …

Ich erinnere mich, in der DDR-Lyrik der siebziger/achtziger Jahre war es … etwa Usus geworden, Hölderlins „Komm ins Offene, Freund“ aus „Der Gang aufs Land“ der Deskription beengter Verhältnisse im ummauerten Land entgegenzusetzen. Dieser einleuchtenden Billigkeit binärer Konstellationen konnten sich nur Erich Arendt und Volker Braun durch Materialausfaltungen wirklich einigermaßen entziehen. Falkner dagegen ist in Teilen seiner Poetik, in der traumsicheren Beherrschung der Formenklaviatur, in der Auffassung der numinosen Dichterexistenz Hölderlin immer schon so beängstigend nahe gewesen wie kein anderer Lyriker der Gegenwart. Deshalb kann er anders ansetzen. Hierfür ein Beispiel:
Hölderlins alpine Sängerelegie „Heimkunft“ endet mit den Versen:

Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?
Aber ein Saitenspiel leiht jeder Stunde die Töne,
Und erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.
Das bereitet und so ist auch beinahe die Sorge
Schon befriediget, die unter das Freudige kam.
Sorgen, wie diese, muß, gern oder nicht, in der Seele
Tragen ein Sänger und oft, aber die anderen nicht.

Falkners Gedichte nehmen diesen Ton behutsam auf, sie tragen ihn an einen dritten Ort: den des entgegnenden Gedichts. So hebt sein „Karneval der Sorge“ an: „so auch / beinahe die Sorge, bey nahe / ihre krasseste sogar / so auch, ihr Sinn; groß wie Gras / gräselndes (tänzelndes) Gras“. Der erhabene Gedichtgang wird später allerdings durchstört durch moderne Kraftworte, die in dieser Textumgebung als Fremdkörper erscheinen:

„…
komplett verplant / das unermesslich traurige
Entzüken ihrer Ungerichtetheit, ihre Gunst
nicht zum Spiele genommen
der Engel Netzwerke
verplempert
(u)nd alles Erhabene nur zur Ergötzung
der Knallköpfe noch/“

3. April 2009

12. Aus Erregung

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Wenn der 1951 geborene Dichter Gerhard Falkner regelmäßig seine polemischen Blitze auf die Lyrik-Szene schleudert, ist es ratsam, in Deckung zu gehen. Denn der Zorn des „Minnesängers der Moderne“ (Kurt Drawert über Falkner) ist gewaltig. Falkner spricht – und die Gattung erbebt. Zuletzt hatte er in einer Philippika in der Literaturzeitschrift Bella triste Hiebe ausgeteilt und sich zum Dichterkönig inthronisiert. Der neue „Ausdrucksglanz“ der Generation der 30- bis 40-Jährigen, so ließ Falkner wissen, habe seinen Ursprung in den von ihm selbst in den 1980er Jahren entwickelten Sprechweisen. Diese programmatische Unbescheidenheit stieß auf heftigen Widerspruch.
Wer nun die Gelegenheit wahrnimmt und Falkners 1981 veröffentlichten und im vergangenen Jahr wiederaufgelegten Erstling „so beginnen am körper die tage“ auf seine antizipatorische Kraft hin studiert, der erlebt tatsächlich eine Überraschung. Diese Gedichte haben auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Erstveröffentlichung ihre Frische bewahrt. Diese frühen Gedichte, so Falkner im Rückblick, „überfielen mich wie Schweißausbrüche…, sie gründeten nicht auf Ehrgeiz, sondern auf Erregung“. Dieses körperhafte Erregungspotenzial und ästhetische Schönheitsverlangen findet man auch in den nachfolgenden Bänden „der atem unter der erde“ von 1984 und „wemut“ von 1989. / Michael Braun, Badische Zeitung 3.4.
Bericht über die Preisverleihung in Staufen, Badische Zeitung (Poesie-Kicks eines Andersdenkenden)
Eine Aufzeichnung der Preisverleihung soll am 4. April von 14.05 bis 15 Uhr in SWR2 gesendet werden.

– Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2008. 110 Seiten, 19,60 Euro.
– so beginnen am körper die tage. Gedichte. LyrikEdition 2000, München 2007, 104 Seiten, 11,50 Euro.

2. April 2009

9. Auch ich war ein Wendegewinnler

Wenn ein Gedicht und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt dunkel, muß das nicht immer am Gedicht liegen.

Wo habe ich das gelesen oder erlebt?

Bei Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. Aber es muß die zweite Ausgabe sein, die in der Sammlung Luchterhand 1984. – Die legendäre Sammlung Luchterhand. Das erste Bändchen, das ich in der Hand hielt: Serienfuß von Ernst Jandl. Das und kein andres nicht gabs in den Buchhandlungen, wo ich lebte, aber die Universitätsbibliothek in Rostock besaß einiges. Entdeckungen meiner Rostocker Studienjahre: Eben Jandl. Arno Schmidt. Oskar Pastior. e.e. cummings.

1990 oder 91 – wieder zu Luchterhand – brachte mit der Wende den Zusammenbruch des phantastischen literarischen Programms dieses Verlags. Es heißt, der Verlust der nun nicht mehr nötigen Lizenzen für Ostautoren wie Christa Wolf habe zu diesem beigetragen. Der Untergang war mein Einstieg. Ich war gerade – auch wendebedingt – in Essen. Eine Buchhandlung hatte hunderte Taschenbücher der Sammlung Luchterhand. Der Verlag verramschte seine Bestände. Vieles war damals möglich. Im Rausch der östlichen Gründerjahre kaufte ich auf gut Glück für über 500 Mark Luchterhandbände für die Greifswalder Bibliothek, im Dutzend noch mal billiger. Es gab ja fast nichts, da war das ein Grundstock. Die nahmen das damals auch: heute undenkbar. Und noch mal für mich selbst ramschte ich auch für eine dreistellige Summe. Vieles von Jandl: selbstporträt des schachspielers als tickende uhr; der gelbe hund; serienfuss; jandl für alle; Die schöne Kunst des Schreibens; Idyllen; der künstliche baum; die bearbeitung der mütze; dingfest. Die Sammlung Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in.der DDR. Bände von Hans Arp, Peter Härtling, Peter Bichsel… Nicht zu vergessen frühe Jahrgänge des damals „Luchterhand Jahrbuch der Lyrik“, das nach zwei Verlagswechseln nun verblichen ist. Es waren wilde Jahre. Nicht nur Bananen- und Altautohändler: auch ich war ein Wendegewinnler.

Ein paar Jahre später bekam ich ebenfalls aus der Ramschmasse zwölf Bände Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe (D.E.Sattler – die nicht abgeschlossene Taschenbuchausgabe aus der großen Sattlerausgabe.) Jetzt wird die 12bändige chronologische Ausgabe Sattlers verramscht – ein Fest für alle, die nicht mal eben 400 Euro für Hölderlins Gesänge ausgeben können. In Gerhard Falkners Band „Hölderlin Reparatur“ kann man schon mal studieren, was man da erwarten und was damit machen kann. Das ist keineswegs, wie ein wirklich verehrter Kollege meinte, eine Verspottung der Sattlerausgabe – im Gegenteil.

Falkners Erstlingsband war nicht in meiner 1990er Beute. Weder Zeit noch Geld noch Tragekapazität reichten, um den Fundus komplett durchzusehen. Dies und anderes fand ich ein paar Jahre später, nachdem ich über Galrev auf den Autor aufmerksam wurde. (Sascha Andersons Spitzelberichte, wie über seinen Freund Papenfuß, finde ich abscheulich, aber ich danke ihm für manche Gedichte und für viele tolle Gedichtbände von Autoren, die er gedruckt hat, das glaube ich, nicht um sie in seine Kumpanei zu ziehen, sondern weil er sie bewunderte, hidden gentlemen. Sie sollen sich nicht einreden lassen, daß sie sich der Nachbarschaft schämen müßten. Schändlich ist so vieles, mehrmals in den letzten Jahren und Wochen! war ich veranlaßt, Max Liebermanns Diktum von 1933 zu zitieren: man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen müßte. In Politik und Wirtschaft gibt es schlimmere Übelstände: aber das Ignorieren guter Bücher, guter Autoren aus Gründen moralischer Selbsterhöhung ist auch ein großes Übel. Bei Galrev erschienen Gerhard Falkner, Thomas Kunst, Richard Anders, Andreas Koziol, Thomas Böhme, Uwe Greßmann und viele andere: jeder einzelne aller Beachtung wert.

Gerhard Falkner erhält morgen in Staufen den Peter-Huchel-Preis für seinen jüngsten Band. Schon der erste war durchaus preiswürdig. Entzückt finde ich beim Blättern Zeilen, Metaphern, manche mit Bleistiftstrichlein: „allenthalben blüht schon der seidelbast“ -  „eiserne finken“ – „rosenscherbe“ – „alles das ich abgeschaut der leise gewirbelten brust, das unvorhergewünschte auf die körper gespielte licht“ – wow! Und die „aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr“, die noch nicht in der 1981er Ausgabe standen, auch die schon wie aus der „Hölderlin Reparatur“. Falkner ist, was immer er sonst noch ist oder sein will: auch ein Humorist. Wehe, wenn man das Grinsen hinter mancher Gebärde übersieht! L&Poe gratuliert zur allfälligen Ehrung!

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