Lyrikzeitung & Poetry News

24. Februar 2009

118. „Line of beauty“

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Tags:, , , — lyrikzeitung @ 22:28

Der Herausgeber historisch-kritischer Werkausgaben muss sich mit allerlei Sonderzeichen auskennen, muss ein Virtuose der Klammern, Querstriche und Doppelpunkte sein, und auch mit Zahlen muss er sich auskennen, muss nummerieren, was das Zeug hält, muss ein Netz von Verweisen spinnen etc.

Dass dieses Handwerk Gerhard Falkner fasziniert, macht schon das Motto von „Hölderlin Reparatur“ deutlich. Nicht „Hölderlin“ steht unter dem Motto, sondern „Sattlersche Ausgabe Band 5/S.275″. Um die Textgestalt geht es Falkner. Den Hieroglyphen der Philologen widmet er die Gedichte der ersten Abteilung des Bandes, dem Versuch, korrumpierte Fassungen zu reparieren, gewinnt er dabei·eine eigene poetische Qualität ab: „Die Frage der verlorenen Handschrift/ in der es hieß: / is your past valid für the future? / wer hat die gestellt, die gege, gestellt? / Und die Antwort. / Ohne Ich / bleibt nur/ das Micht?“ In den Varianten, die der Philologe anführt, in den abgebrochenen Wörtern, gestrichenen Versen, in Fett- und Kursivdruck und all den anderen graphischen Markierungen (die schnell auch zu rhythmischen Pattern werden können) entdeckt Falkner einen wiederum ganz eigenen Reiz. Als forme das wissenschaftlich Aufgedröselte neuerlich eine „line of beauty“. / TOBIAS LEHMKUHL, SZ 24.2.

GERHARD FALKNER: Hölderlin Reparatur. Berlin Verlag, Berlin 2008. 110 Seiten, 19,60 Euro.

16. Februar 2009

54. Scheitern – dürftig

„Scheitern als Chance“, so überschreibt Lutz Hagestedt seine Bilanz der letzten zehn Jahre (solange besteht literaturkritik.de). Die zurückliegenden zehn Jahre seien eine gute Zeit für Literatur und eine Umbruchszeit für die Literaturkritik gewesen.
Dürftig in dem umfangreichen Artikel freilich der Auftritt der Lyrik:

In der Lyrik etablierten sich bekannte Namen wie Gerhard Falkner, Durs Grünbein, Thomas Rosenlöcher, Uwe Kolbe und der früh verstorbene Thomas Kling als feste Größen. Neue Namen wie Lutz Seiler, Sabine Scho oder Uljana Wolf rückten nach. Walter Höllerers „Theorie der Modernen Lyrik“ wurde um zeitgenössische „Dokumente zur Poetik“ erweitert und arrondiert (und im November 2003 von Ute Eisinger besprochen). Hier, im „Museum der Theorie der Poesie“, wurden Haltungen erprobt, die den alten Gegensatz von Tradition versus Moderne zu transzendieren suchten: So plädierte Adam Zagajewski für einen „Hohen Stil“, der – von „Humor“ sekundiert – den Anschluss an die Moderne suchte. In ähnlicher Weise entwickelte und erweiterte Robert Gernhardt seine Poetik – als Vermittlungsversuch zwischen dem tradierten Formenrepertoire und der heutigen Lebenswelt.
Das wars auch schon – außer diesem Abschnittchen gibt es nur noch einen Satz über Durs Grünbeins tagespolitischen Auftritt:
Durs Grünbein (Jahrgang 1962) versuchte es gelegentlich in seiner Domäne, der Lyrik („September-Elegien“), und wurde dafür belächelt.

Hagestedts Text enthält gewissermaßen eine Erklärung und einen Trost für die Dürftigkeit der Großkritik. In seinem Artikel sagt er:

Nicht „Zeit“-Leser, sondern Internet-User gaben der literarischen Öffentlichkeit neue Impulse.

/  literaturkritik.de Nr. 2, Februar 2009

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